Die Gesundheitsversorgung ist am Limit: Bis 2034 braucht die Schweiz über 110'000 neue Mitarbeitende. Dafür müssen die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Um den Druck auf die Politik zu erhöhen, ruft die Gewerkschaft Syna am 28. November 2026 zu einer nationalen Demonstration und im nächsten Jahr zu einem Care-Streik auf.
Die heute veröffentlichten Prognosen des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) zeichnen ein alarmierendes Bild: Bis 2034 müssen die Gesundheitsinstitutionen der Schweiz rund 110'300 neue Mitarbeitende gewinnen. Das entspricht durchschnittlich mehr als 11'000 Rekrutierungen pro Jahr. Hauptgründe dafür sind Pensionierungen, Berufsaustritte und der steigende Pflegebedarf einer alternden Bevölkerung. Gleichzeitig kann die inländische Ausbildung den Bedarf insbesondere bei diplomierten Pflegefachpersonen längst nicht mehr decken.
Die Pflegeinitiative bleibt unvollendet
Für die Gewerkschaft Syna ist klar: Der Fachkräftemangel ist längst zu einem Versorgungsrisiko geworden. Wenn es nicht gelingt, deutlich mehr Gesundheitsfachpersonen im Beruf zu halten, werden sich die Wartezeiten verlängern. Zudem steigt die Belastung der Beschäftigten weiter, und die Qualität der Versorgung gerät zunehmend unter Druck.
Der eigentliche Notstand herrscht am Arbeitsplatz
Die neuen Obsan-Zahlen zeigen deutlich: Die Schweiz verliert einen grossen Teil ihrer ausgebildeten Fachkräfte. Bereits im Alter von 40 Jahren arbeitet weniger als die Hälfte der diplomierten Pflegefachpersonen noch in einer Gesundheitsinstitution. Beim Fachpersonal Gesundheit (FaGe) und bei den Fachpersonen Betreuung (FaBe) beträgt dieser Anteil sogar nur noch rund 22 Prozent.
«Wir haben keinen Mangel an Menschen, die sich für einen Gesundheitsberuf entscheiden. Wir haben mangelhafte Arbeitsbedingungen, die es den Menschen verunmöglichen, in ihrem Beruf zu bleiben.»
Nico Fröhli, Branchenleiter Gesundheit der Gewerkschaft Syna
Fünf Jahre nach Annahme der Pflegeinitiative: Das zentrale Versprechen bleibt offen
Die Bevölkerung hat der Pflegeinitiative am 28. November 2021 mit grosser Mehrheit zugestimmt. Seither wurde zwar die Ausbildung ausgebaut. Der zweite und entscheidende Teil der Initiative – bessere Arbeitsbedingungen, genügend Personal, verbindliche Personalschlüssel, mehr Mitsprache und eine wirksame Entlastung des Personals – wurde jedoch bis heute nicht umgesetzt.
Die Konsequenzen zeigen sich nun schwarz auf weiss: Selbst im moderaten Szenario in der Obsan-Studie kann die Schweiz bei den diplomierten Pflegefachpersonen nur rund die Hälfte des benötigten Nachwuchses aus eigener Ausbildung decken. Der Deckungsgrad liegt zwischen 40 und 55 Prozent.
Jetzt braucht es politischen Druck
Die Obsan-Studie macht deutlich, dass Berufsaustritte ein entscheidender und beeinflussbarer Faktor des Fachkräftemangels sind. Wer die Arbeitsbedingungen verbessert, reduziert den Personalbedarf wirksamer als jede Ausbildungsoffensive allein.
Deshalb ruft die Gewerkschaft Syna alle Beschäftigten im Gesundheitswesen dazu auf, gemeinsam Druck auf Politik und Arbeitgeber auszuüben:
- 28. November 2026: Nationale Demonstration zum traurigen fünften Jahrestag der Pflegeinitiative. Fünf Jahre nach dem Volksentscheid müssen die versprochenen Verbesserungen endlich Realität werden.
- 14. Juni 2027: Care-Streik für genügend Personal, faire Arbeitsbedingungen und attraktive Gesundheitsberufe.
110'300 fehlende Mitarbeitende sind keine abstrakte Statistik. Hinter jeder unbesetzten Stelle stehen überlastete Teams, mehr Überstunden, weniger Zeit für Patientinnen und Patienten und ein Gesundheitswesen, das an seine Grenzen gerät. Wer die Gesundheitsversorgung sichern will, muss endlich dafür sorgen, dass die Menschen ihren Beruf auch langfristig ausüben können.
Genau dafür werden die Beschäftigten am 28. November 2026 und am 14. Juli 2027 gemeinsam auf die Strasse gehen.