Als das Gesetz 1996 in Kraft trat, war es ein Meilenstein. Erstmals wurden Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts bei Anstellung, Arbeitsbedingungen, Lohn, Aus- und Weiterbildung, Beförderung oder Kündigung ausdrücklich verboten. Auch sexuelle Belästigung wurde rechtlich als Diskriminierung anerkannt. Für Arbeitnehmerinnen bedeutete das einen besseren Schutz und neue Möglichkeiten, ihre Rechte durchzusetzen.
Dreissig Jahre später hat sich vieles verändert. Frauen sind heute besser ausgebildet, stärker im Arbeitsmarkt vertreten und häufiger in Führungsfunktionen anzutreffen. Das gesellschaftliche Bewusstsein für Gleichstellung ist gewachsen. Themen wie Lohngleichheit, Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder sexuelle Belästigung werden heute offener diskutiert als noch in den 1990er-Jahren. Doch hat das Gesetz sein Ziel erreicht?
Fortschritte ja, Gleichstellung noch nicht
Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Die Schweiz ist vorangekommen, aber noch nicht am Ziel. Die Lohnschere zwischen Frauen und Männern hat sich verkleinert. Beim Medianlohn, also dem Lohn genau in der Mitte aller Einkommen, sank die Differenz von 16,3 Prozent im Jahr 2006 auf 8,4 Prozent im Jahr 2024. Der Medianlohn zeigt jedoch nicht die ganze Realität. Unterschiede bei hohen Einkommen und Kaderlöhnen fallen dabei weniger ins Gewicht, obwohl Männer dort weiterhin übervertreten sind.
Betrachtet man den Durchschnittslohn, beträgt die durchschnittliche Differenz noch immer 16,2 Prozent. Fast die Hälfte davon lässt sich weder durch Ausbildung noch durch Funktion oder Branche erklären.
Noch deutlicher wird die Ungleichheit beim gesamten Erwerbseinkommen: Dieses liegt bei Frauen durchschnittlich fast 40 Prozent tiefer als bei Männern. Viele Frauen arbeiten Teilzeit, reduzieren ihr Pensum für Betreuungsaufgaben oder unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit zeitweise.
Die Folgen zeigen sich bis ins Rentenalter. Frauen erhalten heute durchschnittlich rund ein Drittel weniger Rente als Männer. Was während des Erwerbslebens bei Lohn und Karrierechancen verloren geht, fehlt später oft auch in der Altersvorsorge.
Zahlen erzählen nicht die ganze Geschichte
Trotzdem erfassen Statistiken nur einen Teil der Realität. Sie zeigen Unterschiede, aber nicht, wie diese im Alltag erlebt werden.
Besonders deutlich wird dies bei der Wahrnehmung von Gleichstellung. Während viele Männer davon ausgehen, dass die Gleichstellung in der Arbeitswelt weitgehend erreicht ist, erleben viele Frauen die Situation anders. Auch die Verteilung der unbezahlten Arbeit bleibt ein zentraler Faktor. Gemäss aktuellen Erhebungen ist die grosse Mehrheit der Bevölkerung der Ansicht, dass Frauen nach wie vor einen grösseren Anteil an Haus- und Betreuungsarbeit übernehmen.
Diese Verantwortung beeinflusst Karrieren, Weiterbildungsmöglichkeiten, Einkommen und Aufstiegschancen. Wer seine Arbeitszeit reduziert, um Kinder oder Angehörige zu betreuen, zahlt dafür oft einen hohen beruflichen Preis. Hinter jeder Statistik steht deshalb eine persönliche Geschichte: die Arbeitnehmerin, die nach einer Schwangerschaft plötzlich weniger Entwicklungsmöglichkeiten erhält. Die Mitarbeiterin, die bei einer Beförderung übergangen wird. Die Fachkraft, die feststellt, dass ihr Lohn tiefer ausfällt als jener eines männlichen Kollegen mit vergleichbarer Tätigkeit.
Die Erfahrungen der Betroffenen zählen Gerade deshalb stellt Syna zum 30-Jahr-Jubiläum des Gleichstellungsgesetzes die Menschen ins Zentrum. Mit einer Videokampagne kommen aus der Romandie und der Deutschschweiz jeweils vier Frauen aus unterschiedlichen Generationen und Berufsfeldern zu Wort. Sie erzählen von ihren Erfahrungen, ihren Herausforderungen, aber auch von Fortschritten, die sie in ihrem Arbeitsleben erlebt haben.
Ihre Berichte zeigen, was keine Statistik erfassen kann: wie sich Ungleichheit anfühlt, wie Diskriminierung wahrgenommen wird und welche Folgen sie im Berufsalltag hat. Denn Gleichstellung ist nicht nur eine Frage von Zahlen. Es geht um Wertschätzung, Chancengleichheit und Respekt am Arbeitsplatz.
Die Kampagne macht deutlich: Die Wahrnehmung der Betroffenen zählt. Wer über Gleichstellung spricht, muss auch jenen zuhören, die Ungleichheiten täglich erleben.
Der Weg geht weiter
30 Jahre Gleichstellungsgesetz sind ein Grund zum Feiern. Ohne das Gesetz gäbe es zahlreiche Rechte und Schutzbestimmungen, die heute selbstverständlich erscheinen, nicht. Gleichzeitig zeigen die Zahlen und die Erfahrungen vieler Arbeitnehmerinnen, dass Gleichstellung noch keine Selbstverständlichkeit ist.
Gesetze können Veränderungen anstossen. Wirklichkeit werden sie jedoch erst in den Betrieben, bei den Verhandlungen von Gesamtarbeitsverträgen und im täglichen Miteinander. Oder anders gesagt: Das Gleichstellungsgesetz hat vor 30 Jahren wichtige Türen geöffnet. Jetzt geht es darum, dafür zu sorgen, dass alle auch tatsächlich hindurchgehen können.