Der Bergsturz in Blatten hat Syna-Mitglied Hans Peter Lehner unversehens aus seinem vertrauten Alltag gerissen. In dieser Ausnahmesituation wurde, inmitten von Unsicherheit und Verlust, spürbar, was ihn seit jeher trägt: Solidarität.
Mit einem beklommenen Gefühl fahre ich ins Lötschental. Die Bilder aus Blatten sind noch präsent – Staubwolken, abgedeckte Dächer, eine zerrissene Landschaft. Wie begegnet man als Aussenstehender jemandem, der eine solche Katastrophe miterlebt hat?
Diese Unsicherheit verfliegt schnell, als ich in Wiler ankomme. Hans Peter steht schon auf dem Balkon und winkt mir zu. Er bittet mich in die Wohnung, schenkt Kaffee ein und setzt sich mir ruhig gegenüber. Er merkt sofort, wie es mir geht. «Das ging vielen so», sagt er mit einem leisen Lächeln. «Aber glaub mir – reden hilft. Es ist auch ein bisschen Therapie zu erzählen, was passiert ist.»
Die Wohnung ist schlicht und ordentlich, doch man merkt, dass Hans Peter und seine Frau noch nicht lange hier sind. Es fehlt an nichts Konkretem – aber das Gefühl von Angekommen sein stellt sich nicht sofort ein. Ihr eigentliches Zuhause ist Blatten. Hans Peter beginnt zu erzählen – ruhig, klar, ohne viel Pathos. Mit Ausnahme weniger Jahre in Langenthal war das Lötschental immer sein Lebensmittelpunkt. «Es ist dieser Moment, wenn ich bei Ferden um die Kurve fahre und das Tal sich öffnet – dann spüre ich: Hier gehöre ich hin.»
Zum grossen Glück aller Einwohner von Blatten ordneten die Behörden am 19. Mai 2025 die Evakuierung an – 15 Minuten Zeit, um das Nötigste zu packen. Zwei Einkaufstüten und eine Sporttasche. Mehr war nicht möglich. Andere hatten nicht einmal diese Gelegenheit, weil sie unterwegs oder bei der Arbeit waren. Noch während der Fahrt kamen erste Nachrichten: Freundinnen, Kollegen, frühere Wegbegleiter. «Innerhalb von zwei Stunden hatte jede und jeder aus Blatten ein Bett und ein Dach über dem Kopf. Es war ein Moment, in dem Solidarität gelebt wurde.»
Einige Tage später – am 28. Mai – kam der eigentliche Bergsturz. «30 Sekunden – und alles war anders.» Dass der Tag des Bergsturzes ausgerechnet mit einem Seminar an der Uni über die «Zukunft des alpinen Raums» begann, an dem er als Gasthörer in Bern teilnahm, empfindet er rückblickend fast als ironisch. Diskutiert wurden die Herausforderungen vieler Bergregionen: Abwanderung, fehlende Perspektiven, Infrastrukturprobleme. Und doch, sagt Hans Peter, habe das Lötschental in vielerlei Hinsicht gute Voraussetzungen: die Nähe zu Arbeitsplätzen, eine funktionierende Infrastruktur, starke Nachbarschaften und eine intakte Landschaft. Am Nachmittag dann der Bruch, der alles verändernde Bergsturz.
Später fuhren Hans Peter und seine Frau auf die Lauchernalp, um sich ein Bild zu machen. Von dort sieht man direkt ins Tal – und auf die Schneise im Tal, die geblieben ist. «Wir sassen lange im Auto. Und irgendwann liefen einfach die Tränen.» Was in solchen Situationen Halt gibt, ist für Hans Peter nicht nur die Familie oder das gewohnte Umfeld, sondern etwas Grundsätzlicheres: Empathie, Vertrauen, Solidarität. Dass sich auch die Gewerkschaft schnell gemeldet habe – mit einer Spende, aber noch viel mehr mit persönlichen Zeichen – habe ihn tief berührt. «Menschen, mit denen ich seit zwanzig Jahren keinen Kontakt hatte, schrieben mir eine kurze Nachricht: Wie gehts dir? Das klingt klein – aber es zeigt, dass man dazugehört.»
Solidarität war für Hans Peter nie nur ein politischer Begriff. Er hat sie erlebt – und mitgetragen. Ursprünglich machte er eine Kochlehre, wechselte dann zur Bern-Lötschberg- Simplon-Bahn (BLS), wo er viele Jahre als Bauzugführer arbeitete. Gewerkschaftlich organisiert war er von Anfang an – bei Transfair, sowie dessen Vorgängerorganisation. «Für mich war das nie eine Frage – das gehörte einfach dazu.»
Mit Anfang vierzig veränderte eine Verletzung im Militärdienst seinen beruflichen Weg. Die körperliche Arbeit auf dem Gleis war nicht mehr möglich. Hans Peter liess sich zum Technischen Kaufmann umschulen, absolvierte ein Praktikum bei der BLS – doch durch eine Fusion fiel seine Stelle weg. Er rief bei Transfair an – aber der zuständige Regionalsekretär war in den Ferien. Stattdessen nahm Kurt Regotz von Syna Oberwallis ab. «Ich erklärte ihm meine Situation – und er sagte einfach: Komm am Montag vorbei. Wir finden eine Lösung.» Und genau so kam es. Hans Peter begann ein Praktikum bei Syna, half beim Umzug, lernte Abläufe kennen, unterstützte bei Mitgliederanfragen und organisatorischen Aufgaben. Viele der Erfahrungen aus dieser Zeit konnte er später beim Grundbuchamt Oberwallis nutzen, wo er bis zur Pensionierung arbeitete. «Was ich dort gelernt habe, war ganz konkret – strukturiertes Arbeiten, klare Kommunikation und der Umgang mitMenschen in schwierigen Lagen.»
Diese Zeit hat ihn geprägt – nicht nur fachlich, sondern auch menschlich. Denn Solidarität wirkt in beide Richtungen: Mitglied zu sein bedeutet mehr, als Beiträge zu zahlen. «Man tritt einer Gewerkschaft bei, wenn man sie nicht braucht – aber wenn es darauf ankommt, ist jemand da. Und das zählt.» Diese Erfahrung von Verbundenheit lebt Hans Peter auch heute weiter. Gemeinsam mit seiner Frau engagiert er sich im Projekt «Gemeinsam statt einsam», das mit Pro Senectute ins Leben gerufen wurde. Es geht darum, Begegnungen zu ermöglichen – besonders jetzt, da viele aus Blatten verstreut wohnen und vertraute Alltagsbeziehungen fehlen.
Und wie geht es weiter? Für Hans Peter ist die Entscheidung gefallen. «Meine Wahl: Lötschental», sagt er. Auch wenn unklar ist, wann eine Rückkehr nach Blatten wieder möglich ist. Aber das Gefühl, wenn sich bei Ferden das Tal öffnet, ist da – vielleicht sogar stärker als vorher.