Von Syna auf 5.9.2025
Kategorie: Politik

Das System erneuern – und überdenken

Das BVG bildet einen wichtigen Pfeiler der sozialen Sicherheit in der Schweiz. Doch die Diskussionen um seine Weiterentwicklung sind in vollem Gange – etwa zur Frage, wie gut das System Teilzeitbeschäftigte abdeckt, ob die Altersbeitragsstaffelung noch zeitgemäss ist oder wie gerecht der Umwandlungssatz gestaltet wird. Diese und weitere Fragen zur Gegenwart und Zukunft der zweiten Säule beantwortet Johann Tscherrig, Mitglied der Geschäftsleitung der Gewerkschaft Syna, im Interview.

Die BVG feiert ihren 40. Geburtstag. Wie ist der aktuelle Zustand?

Johann Tscherrig: Erstmal muss ich sagen: Die Versicherungen in der Schweiz sind grundsätzlich auf einem guten Niveau. Da haben unsere Vorkämpferinnen und Vorkämpfer sicher viel geleistet. In der Altersvorsorge stehen wir mit dem Drei-Säulen- Prinzip auf einem stabilen Fundament. Trotzdem ist klar: Die zweite Säule in ihrer heutigen Form braucht Anpassungen. Der Reformbedarf ist da – und die Ablehnung der
BVG-Reform im Herbst letzten Jahres hat deutlich gezeigt, dass Veränderungen zugunsten der Arbeitnehmenden geschehen müssen, damit die breite Bevölkerung auch wirklich davon profitiert.

Ein grosses Thema ist die Eintrittsschwelle. Nur Personen mit einem Jahreseinkommen über 22 680 Franken können einzahlen. Ist das fair?

Tscherrig: Das ist ganz klar eine der grössten Schwächen in der heutigen Ausgestaltung. Die Eintrittsschwelle gehört abgeschafft. Wir leben in einer Arbeitswelt, in der viele Menschen Teilzeit arbeiten – oft gezwungenermassen. Gerade Personen mit tiefem Einkommen, sehr häufig Frauen, sind betroffen. Ich denke da etwa an Familien, bei denen beide Elternteile arbeiten, aber ein Elternteil – meist die Frau – nur Teilzeit. Diese Menschen sind heute kaum oder gar nicht versichert in der zweiten Säule. Die BVG muss so weiterentwickelt werden, dass
bereits der erste Franken des Einkommens in der Pensionskasse versichert ist. So sind alle besser abgesichert – und Altersarmut, die auch in der Schweiz ein wachsendes Problem ist, kann besser verhindert werden.

Neben der Eintrittsschwelle ist auch die Staffelung der Beiträge je nach Alter umstritten. Ältere Arbeitnehmende zahlen mehr ein und
werden dadurch für Arbeitgeber teurer. Ist das noch zeitgemäss?
Tscherrig: Das System ist historisch so gewachsen. Die Überlegung war früher: In den frühen Jahren des Erwerbslebens braucht man mehr Geld – für Familie, Hauskauf, Auto und so weiter. Deshalb sollten junge Leute weniger einzahlen. Später, wenn man älter ist und mehr verdient, sollte man dann mehr in die Altersvorsorge investieren. Aber heute muss man sagen: Diese Logik ist überholt. Der Arbeitsmarkt hat sich stark verändert. Ältere Arbeitnehmende haben es immer schwerer – durch den rasanten Wandel der Arbeitswelt. Und wenn sie dann auch noch teurer sind, weil der BVG-Beitrag mit dem Alter steigt, wird es für sie besonders schwierig. Ein einheitlicher Beitragssatz über das ganze Erwerbsleben wäre heute sicher sinnvoller – gerechter und moderner.

Ein dritter grosser Streitpunkt ist der sinkende Umwandlungssatz. Die Pensionskassen argumentieren, die Menschen würden immer älter – deshalb müsse der Satz sinken. Ist das nachvollziehbar?
Tscherrig: Dass die Menschen im Schnitt älter werden, ist unbestritten. Und es ist logisch, dass sich das angesparte Kapital über mehr Jahre verteilen muss. Aber man sollte hier auch etwas die Angst nehmen. Die Lebenserwartung steigt längst nicht mehr so stark wie früher – sie stagniert sogar teilweise. Gleichzeitig sind die Erträge aus den Kapitalanlagen der Pensionskassen sehr hoch. Die Vermögen der Kassen übersteigen ihre jährlichen Ausgaben bei weitem. Deshalb ist es aus meiner Sicht klar: Die Verzinsung und auch der Umwandlungssatz sollten zugunsten der Versicherten gestaltet werden – und nicht nur zum Vorteil der Kassen.

Was hätte eine weitere Senkung des Umwandlungssatzes für Folgen?
Tscherrig: Man sieht es heute schon: Immer mehr Leute lassen sich ihre Pensionskassengelder auszahlen, statt eine monatliche Rente zu beziehen. Das hängt auch mit dem tiefen Umwandlungssatz zusammen. Aber das birgt Risiken. Wenn jemand sein Kapital zu schnell aufbraucht, steht er oder sie später womöglich mit leeren Händen da – und landet schlimmstenfalls in der Sozialhilfe. Das kann nicht die Lösung sein. Wir müssen dafür sorgen, dass die institutionalisierte Altersvorsorge gestärkt wird. Sie darf nicht geschwächt werden, indem man immer mehr Verantwortung aufs Individuum abwälzt. Unser Ziel muss ein soziales Netz sein, das für alle da ist.
Und wie sieht die Altersvorsorge in 20 Jahren aus?

Tscherrig: Prognosen sind natürlich immer schwierig. Aber klar ist: Es braucht Reformen. Die nächste Reform muss die Themen Eintrittsschwelle, Beitragssystem und Umwandlungssatz ernsthaft anpacken. Gleichzeitig sollten wir nicht nur im bestehenden System denken. Vielleicht braucht es einen grundlegend neuen Ansatz – etwa ein Grundeinkommen, das nicht nur die Altersvorsorge, sondern auch das Erwerbsleben beeinflusst. Denkbar ist auch, das gesamte Sozialversicherungssystem neu zu gestalten. Entscheidend ist, dass wir bereit sind, neue Wege zu gehen und unser System den Veränderungen in der Arbeitswelt anzupassen. Für uns bei der Gewerkschaft Syna ist ein offener, zukunftsgerichteter Diskurs deshalb zentral.

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