Das Sammeln kann beginnen! Am 2. April haben wir mit unserem Dachverband Travail.Suisse und einer breiten Allianz die Familienzeit- Initiative lanciert. Wir setzten alles daran, einen neuen gewerkschaftlichen Erfolg im Bereich der sozialen Sicherung zu erringen.
Mit der Familienzeit-Initiative starten wir eine eidgenössische Volksinitiative. Damit sie eingereicht werden kann, müssen wir innerhalb von 18 Monaten mindestens 100'000 gültige Unterschriften sammeln. Anschliessend folgt die Prüfung durch den Bundesrat und das Parlament, bevor die Bevölkerung an der Urne entscheidet – ein Prozess, der sich über mehrere Jahre hinziehen kann. Doch im Moment zählt vor allem eines: Wir müssen unser Anliegen klar und überzeugend in die Öffentlichkeit tragen – und die nötigen Unterschriften sammeln.
Was sieht die Initiative konkret vor?
- Die Initiative will eine bezahlte Familienzeit von 18 Wochen für Mütter und 18 Wochen für Väter gesetzlich verankern. Diese neue Elternversicherung soll den derzeitigen Mutterschaftsurlaub von 14 Wochen und den zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub ersetzen – vorausgesetzt, beide Elternteile sind erwerbstätig – und sie somit gleichstellen.
- Die bestehenden Gesetze zum Mutterschutz bleiben unverändert.
- Die Familienzeit ist nicht übertragbar (ein Elternteil kann seine Zeit nicht an den anderen abgeben). – Die Eltern müssen die Familienzeit abwechselnd beziehen, mit Ausnahme eines Viertels der Zeit, den sie auf Wunsch gemeinsam nehmen können.
- Die Höhe der Entschädigung richtet sich nach dem bisherigen Modell: Sie beträgt 80 Prozent des durchschnittlichen Einkommens vor der Geburt des Kindes, maximal jedoch 220 Franken pro Tag.
- Damit niemand aus finanziellen Gründen auf die Familienzeit verzichten muss, sind für niedrigere Einkommen höhere Leistungen vorgesehen – bis zu 100 % des vorherigen Lohns.
Warum ist Elternzeit notwendig? Die Elternzeit ist eine Antwort auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte.
Heute sind in den meisten Familien beide Elternteile berufstätig – sei es aus finanziellen Gründen oder aus eigenem Wunsch. Doch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bleibt eine grosse Herausforderung. Viele Eltern geraten dadurch an ihre Grenzen, was zu Erschöpfung, Stress oder sogar zu Burnout und Depressionen führen kann. Auch das Wohl des Kindes kann darunter leiden – besonders, wenn bereits ältere Geschwister versorgt werden müssen. Gleichzeitig wandelt sich das gesellschaftliche Bild von Familie. Immer mehr Paare möchten Verantwortung, Aufgaben und die schönen Seiten der Elternschaft gemeinsam tragen. Die Initiative anerkennt, dass Mütter und Väter unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen – biologisch und kulturell. Doch statt diese Unterschiede auszublenden, stellt sie das Miteinander in den Fokus: Eltern sollen die Möglichkeit haben, sich gegenseitig zu unterstützen und gemeinsam zum Familienleben beizutragen – ohne in starre Rollen gedrängt zu werden.
Schluss mit der finanziellen Schieflage durch ungleiche Rollenverteilung
Wenn nur ein Elternteil – meist die Mutter – ihre Erwerbstätigkeit unterbricht oder reduziert, um sich um die Kinder zu kümmern, hat das langfristige finanzielle Folgen: weniger Einkommen im Jetzt und tiefere Renten in der Zukunft. Besonders nach der Geburt des ersten Kindes werden entscheidende Weichen gestellt – wer bleibt zu Hause, wer arbeitet weiter? Die Familienzeit hilft, diese Ungleichheit abzufedern. Sie gibt Müttern die Sicherheit, in den Beruf zurückzukehren, weil sie wissen: Ihr Partner oder ihre Partnerin übernimmt während mehr als vier Monaten die Betreuung des Kindes – und trägt so aktiv Verantwortung im Familienalltag.
Ein Beitrag gegen den Fachkräftemangel
Noch immer sind Frauen durch Mutterschaft im Berufsleben benachteiligt – sei es bei der Anstellung, bei Beförderungen oder sogar durch Kündigungen. Die Familienzeit hilft, dieser Diskriminierung entgegenzuwirken und stärkt damit die berufliche Teilhabe von Frauen. Wenn beide Elternteile nach der Geburt eines Kindes gleichermassen vom Arbeitsplatz abwesend sind, entfällt für Arbeitgeber der Anreiz, Frauen im Bewerbungsprozess zu benachteiligen. Zudem trägt die Familienzeit dazu bei, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern – ein wichtiger Faktor, um die Geburtenrate zu stabilisieren und langfristig genügend Nachwuchs für den Arbeitsmarkt zu sichern.
Hilfe für KMU und strukturschwache Regionen
Kleine und mittlere Unternehmen sowie ländliche Regionen spüren den Fachkräftemangel besonders stark. Im Vergleich zu grossen, oft in Städten angesiedelten Unternehmen können sie weniger attraktive und familienfreundliche Arbeitsbedingungen bieten. Viele Grossunternehmen – insbesondere internationale Konzerne – gewähren beispielsweise ihren Mitarbeitenden bereits heute deutlich längere Vaterschaftsurlaube als das gesetzliche Minimum von zwei Wochen.
Die Familienzeit-Initiative hilft, diesen Wettbewerbsnachteil der KMU auszugleichen. Sie stärkt ihre Position bei der Suche nach Fachkräften und sorgt dafür, dass Frauen nach der Geburt im Berufsleben bleiben können. Das reduziert die Personalfluktuation – ein Kostenfaktor, der für kleinere Betriebe besonders ins Gewicht fällt.
Weniger Gesundheitskosten und weniger Arbeitsausfälle
Wie bereits erwähnt stellt die Schwierigkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren, ein Risiko für die physische und psychische Gesundheit aller Familienmitglieder dar. Die Familienzeit bringt eine Entlastung für junge Eltern, was Stress und Erschöpfung reduziert – und damit auch die Gesundheitskosten für die Allgemeinheit sowie krankheitsbedingte Arbeitsausfälle für die Arbeitgebenden.
Mehr Steuereinnahmen und Sozialabgaben
Laut einer von der Allianz in Auftrag gegebenen Studie des unabhängigen Forschungsinstituts Ecoplan führt die Familienzeit zu einem Anstieg der Erwerbsarbeit von Frauen um rund 2200 bis 2500 Vollzeitstellen pro Jahr – das sind 22 000 bis 25 000 zusätzliche Stellen in zehn Jahren. Dank dieser Entwicklung steigen auch die Steuereinnahmen und Sozialabgaben, sodass sich die Investitionen in die Familienzeit bereits nach 15 bis 20 Jahren selbst finanzieren.
Wie wird die Familienzeit finanziert?
Die Familienzeit wird – wie bereits Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub oder Militär- und Zivildienst – über die Erwerbsersatzordnung (EO) finanziert. In die EO zahlen alle ein: Arbeitnehmende und Arbeitgebende je 0,25 % des Lohns, insgesamt also 0,5 %. Selbständigerwerbende zahlen 0,5 % ihres Jahreseinkommens, Nichterwerbstätige einen Beitrag basierend auf Vermögen und Renten. Für eine Person mit dem Schweizer Medianlohn von 6788 Franken pro Monat (BFS, 2022) entspricht das heute rund 17 Franken monatlich.
Um die Familienzeit umzusetzen, muss der Beitrag leicht erhöht werden – damit die EO jährlich zusätzliche Einnahmen von rund 849 Millionen bis 1,27 Milliarden Franken erzielen kann. Wie viel das genau ist, hängt vom definitiven Umfang der Leistung ab, der vom Parlament bestimmt wird, sowie von der Einkommenssituation der Versicherten und der Anzahl Eltern, die das Angebot nutzen. Konkret würde sich der EO-Beitrag beim Medianlohn um 8.49 bis 12.73 Franken im Monat erhöhen – das entspricht etwa zwei bis drei Tassen Kaffee. Eine kleine Investition für jede und jeden – aber ein grosser Fortschritt für Familien in der ganzen Schweiz. Darum sagt Syna klar Ja zur Familienzeit.