Die Verhandlungen für einen neuen Landesmantelvertrag laufen, doch eine Einigung ist nicht in Sicht. Die Baumeister stellen sich mit ihren Forderungen quer und riskieren damit den vertragslosen Zustand.
Der Landesmantelvertrag regelt die Arbeitsbedingungen für rund 80 000 Arbeitnehmende im Schweizer Bauhauptgewerbe. Er läuft Ende Jahr aus und wird derzeit neu verhandelt. Doch auch nach der dritten Verhandlungsrunde ist keine Lösung in Sicht. «Damit droht zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt ein vertragsloser Zustand – ein Zustand ohne gültigen Gesamtarbeitsvertrag und damit schlechtere Bedingungen für alle, die bei jedem Wetter auf den Baustellen arbeiten», sagt Guido Schluep, Co-Branchenverantwortlicher Bau bei der Gewerkschaft Syna.
Es braucht familienfreundliche Arbeitszeiten
Die Realität auf dem Bau ist hart: Lange Arbeitstage mit hoher körperlicher Belastung sind an der Tagesordnung. Hinzu kommen weite Anfahrtswege, von denen die erste halbe Stunde nicht bezahlt wird. Ein normales Familien- und Privatleben ist so kaum möglich. Dieses Problem muss im neuen Gesamtarbeitsvertrag gelöst werden, denn die langen Arbeitstage tragen wesentlich dazu bei, dass die Branche unter massivem Personalmangel leidet. Jeder zweite ausgelernte Maurer verlässt den Beruf. Laut einer Studie des Baumeisterverbandes selbst werden bis 2040 rund ein Drittel der benötigten Fachkräfte in der Branche fehlen.
Wie der Bau mit Zukunft aussehen kann, haben die Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter klar formuliert: Schluss mit unbezahlter Reisezeit – wer im Auftrag der Firma unterwegs ist, arbeitet und muss dafür entschädigt werden. Heute wird die Zeit vom Betrieb zur Baustelle entgegen dem Arbeitsgesetz nicht als Arbeitszeit anerkannt und erst nach 30 Minuten vergütet. Auch eine bezahlte Znüni-Pause ist längst überfällig und in vielen Berufen selbstverständlich. Zudem braucht es kürzere Arbeitstage – acht Stunden schwere Arbeit sind genug. Und schliesslich verlangen die Bauarbeiter eine Lohnerhöhung sowie einen gesicherten Teuerungsausgleich, damit ihre Kaufkraft erhalten bleibt.
Baumeister wollen Verschlechterungen
Angesichts des Personalmangels auf dem Bau könnte man meinen, der Baumeisterverband sei sich der Lage bewusst und bereit, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Doch das Gegenteil ist der Fall. Geht es nach den Baumeistern, sollen die Bauarbeiter künftig noch mehr leisten – und dies für weniger Lohn. Konkret verlangen sie längere Arbeitstage, mehr als doppelt so viele Überstunden, Arbeit auf Abruf und eine Sechstagewoche mit Samstag als normalem Arbeitstag. Zudem wollen sie die Kündigungsfristen für ältere Bauarbeiter kürzen, damit diese schneller auf die Strasse gestellt werden können.
Syna macht klar: «Das ist nicht verhandelbar. Wir kämpfen für bessere Bedingungen – und wenn es sein muss, auch mit Protesttagen und Aktionen schweizweit», so Michele Aversa, Co-Branchenverantwortlicher Bau.