Vier Jahre nach der Annahme der Pflegeinitiative ist die Bilanz ernüchternd: Noch immer herrscht Notstand in der Pflege – und es muss endlich etwas geschehen.
Die Erwartungen der Pflegenden waren gross. Mit deutlicher Mehrheit hatte die Schweizer Stimmbevölkerung für eine Stärkung der Pflegeberufe gestimmt. Doch statt der erhofften Verbesserungen erleben viele Beschäftigte eine Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen. Der Fachkräftemangel nimmt Jahr für Jahr zu, die Belastung steigt und immer mehr Pflegefachpersonen verlassen ihren Beruf. Gleichzeitig wächst die Nachfrage nach medizinischer Versorgung – nicht zuletzt wegen der demografischen Entwicklung. Dieses Ungleichgewicht gefährdet die Stabilität des gesamten Gesundheitssystems.
Im Dezember steht nun ein entscheidender Moment bevor: Der Nationalrat berät über die zweite Etappe der Umsetzung der Pflegeinitiative. Damit bietet sich die Chance, endlich die richtigen Weichen zu stellen. Doch die bisher vorliegenden Gesetzesentwürfe gehen nicht weit genug – und lassen die dringendsten Probleme ungelöst.Überlastung als Alltag
Die Realität in Spitälern, Psychiatrien, Heimen und Spitexorganisationen zeigt ein klares Bild: Das Personal ist dauerhaft überlastet. Wenige Fachkräfte müssen sich gleichzeitig um eine Vielzahl von Patientinnen und Patienten kümmern. Oft handelt es sich dabei um Menschen mit komplexen oder psychischen Erkrankungen, die eine intensive Betreuung benötigen.
In Alters- und Pflegeheimen fehlt es an Zeit für eine würdevolle Pflege, gerade bei hochbetagten oder dementen Bewohnerinnen und Bewohnern. Pflegende berichten, dass sie am Ende einer Schicht mehr an das Abarbeiten von Aufgaben als an die Bedürfnisse der Menschen denken mussten – eine Situation, die sie zutiefst belastet.
Hinzu kommt ein zunehmender Druck durch ökonomische Vorgaben. Tätigkeiten werden minutengenau erfasst, was Pflegende in die Rolle von Maschinen drängt, anstatt den Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden. Für viele Beschäftigte wird dies zum ethischen Dilemma: Entweder sie halten sich an starre Vorgaben oder sie versuchen, den Patientinnen und Patienten trotzdem gerecht zu werden – auf Kosten ihrer eigenen Gesundheit.
Auch junge Ärztinnen und Ärzte zweifeln zunehmend an ihrer beruflichen Zukunft. Überlange Arbeitszeiten, fehlende Weiterbildungsmöglichkeiten und die ständige Gefahr, das Patientenwohl zu gefährden, lassen viele überlegen, den Beruf zu verlassen. Die Abwärtsspirale aus Überlastung und Berufsausstiegen verstärkt den Fachkräftemangel dramatisch.
Ohne Umsetzung der Pflegeinitiative bleibt unzureichendkeine Versorgung
Mit der Pflegeinitiative wollte die Bevölkerung klare Verbesserungen erreichen: eine bedarfsgerechte Personalausstattung, sichere Arbeitsbedingungen und eine angemessene Finanzierung. Doch der vom Bundesrat vorgelegte Entwurf für das neue Bundesgesetz über die Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals (BGAP) erfüllt diese Ziele nicht.
Zwar benennt der Gesetzesentwurf zentrale Probleme – doch entscheidende Regelungen fehlen. Vor allem die Frage der Finanzierung bleibt ungelöst. Ohne ausreichende Mittel können weder genügend Stellen geschaffen noch faire Arbeitsbedingungen garantiert werden. Damit läuft das Gesetz Gefahr, wirkungslos zu bleiben.
Für das Personal ist dies eine herbe Enttäuschung, für die Bevölkerung ein Risiko, das die Gesundheitsversorgung weiter schwächen könnte.Ohne Personal keine Versorgung
Die Schweiz hat lange von einem Gesundheitssystem profitiert, das international als eines der besten galt. Doch dieser Ruf bröckelt. Wenn kranke Kinder keinen Arzt mehr finden, ältere Menschen keine Spitex-Unterstützung erhalten oder ganze Regionen ohne Hausärztinnen und Hausärzte auskommen müssen, steht nicht weniger als die Versorgungssicherheit auf dem Spiel.
Dabei ist klar: Eine gute Gesundheitsversorgung gibt es nur mit motivierten, gesunden und ausreichend vorhandenen Fachkräften. Wer die Arbeitsbedingungen ignoriert, gefährdet letztlich die Patientinnen und Patienten. Deshalb richtet sich der Protest nicht nur an die Politik, sondern an die gesamte Bevölkerung. Jede und jeder wird irgendwann auf die Leistungen des Gesundheitssystems angewiesen sein.
Ein Aufruf an alle
Das Bündnis Gesundheitspersonal ruft deshalb am 22. November auf den Bundesplatz in Bern. Unter dem Motto «Gesundheitsversorgung: Das sind wir für euch» soll ein starkes Zeichen gesetzt werden – für faire Bedingungen, für eine nachhaltige Finanzierung und für eine sichere Versorgung.