Das System erneuern – und überdenken
Das BVG bildet einen wichtigen Pfeiler der sozialen Sicherheit in der Schweiz. Doch die Diskussionen um seine Weiterentwicklung sind in vollem Gange – etwa zur Frage, wie gut das System Teilzeitbeschäftigte abdeckt, ob die Altersbeitragsstaffelung noch zeitgemäss ist oder wie gerecht der Umwandlungssatz gestaltet wird. Diese und weitere Fragen zur Gegenwart und Zukunft der zweiten Säule beantwortet Johann Tscherrig, Mitglied der Geschäftsleitung der Gewerkschaft Syna, im Interview.
Die BVG feiert ihren 40. Geburtstag. Wie ist der aktuelle Zustand?
Johann Tscherrig: Erstmal muss ich sagen: Die Versicherungen in der Schweiz sind grundsätzlich auf einem guten Niveau. Da haben unsere Vorkämpferinnen und Vorkämpfer sicher viel geleistet. In der Altersvorsorge stehen wir mit dem Drei-Säulen- Prinzip auf einem stabilen Fundament. Trotzdem ist klar: Die zweite Säule in ihrer heutigen Form braucht Anpassungen. Der Reformbedarf ist da – und die Ablehnung der
BVG-Reform im Herbst letzten Jahres hat deutlich gezeigt, dass Veränderungen zugunsten der Arbeitnehmenden geschehen müssen, damit die breite Bevölkerung auch wirklich davon profitiert.
Ein grosses Thema ist die Eintrittsschwelle. Nur Personen mit einem Jahreseinkommen über 22 680 Franken können einzahlen. Ist das fair?
Tscherrig: Das ist ganz klar eine der grössten Schwächen in der heutigen Ausgestaltung. Die Eintrittsschwelle gehört abgeschafft. Wir leben in einer Arbeitswelt, in der viele Menschen Teilzeit arbeiten – oft gezwungenermassen. Gerade Personen mit tiefem Einkommen, sehr häufig Frauen, sind betroffen. Ich denke da etwa an Familien, bei denen beide Elternteile arbeiten, aber ein Elternteil – meist die Frau – nur Teilzeit. Diese Menschen sind heute kaum oder gar nicht versichert in der zweiten Säule. Die BVG muss so weiterentwickelt werden, dass
bereits der erste Franken des Einkommens in der Pensionskasse versichert ist. So sind alle besser abgesichert – und Altersarmut, die auch in der Schweiz ein wachsendes Problem ist, kann besser verhindert werden.
Neben der Eintrittsschwelle ist auch die Staffelung der Beiträge je nach Alter umstritten. Ältere Arbeitnehmende zahlen mehr ein und
werden dadurch für Arbeitgeber teurer. Ist das noch zeitgemäss?
Ein dritter grosser Streitpunkt ist der sinkende Umwandlungssatz. Die Pensionskassen argumentieren, die Menschen würden immer älter – deshalb müsse der Satz sinken. Ist das nachvollziehbar?
Was hätte eine weitere Senkung des Umwandlungssatzes für Folgen?
Und wie sieht die Altersvorsorge in 20 Jahren aus?
Tscherrig: Prognosen sind natürlich immer schwierig. Aber klar ist: Es braucht Reformen. Die nächste Reform muss die Themen Eintrittsschwelle, Beitragssystem und Umwandlungssatz ernsthaft anpacken. Gleichzeitig sollten wir nicht nur im bestehenden System denken. Vielleicht braucht es einen grundlegend neuen Ansatz – etwa ein Grundeinkommen, das nicht nur die Altersvorsorge, sondern auch das Erwerbsleben beeinflusst. Denkbar ist auch, das gesamte Sozialversicherungssystem neu zu gestalten. Entscheidend ist, dass wir bereit sind, neue Wege zu gehen und unser System den Veränderungen in der Arbeitswelt anzupassen. Für uns bei der Gewerkschaft Syna ist ein offener, zukunftsgerichteter Diskurs deshalb zentral.
