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Aus den Regionen (D)

Ein Arbeitsleben für die Arbeitnehmenden

Im Juni nimmt Johann Tscherrig an seiner letzten Delegiertenversammlung in der Geschäftsleitung der Syna teil. Danach geht er in Pension – zumindest offiziell. Denn wer ihm zuhört, merkt schnell: Ganz loslassen wird er die Gewerkschaftsarbeit nicht.

Johann, ein Syna-Urgestein – passt das?

Johann Tscherrig: (lacht) Ja, das kann man wohl so sagen. Ich bin 1995 zum CHB gekommen, und drei Jahre später fand der Syna- Gründungskongress statt. Diese Fusion mehrerer Gewerkschaften habe ich also von Anfang an miterlebt. Wenn ich heute zurückdenke, war das eine extrem spannende Zeit. Diese Aufbruchsstimmung, die Vision, die wir hatten – das war schon etwas Besonderes. Und vor allem die Menschen: Ob beim CHB, bei der Syna oder in der Sozialpartnerschaft – ich durfte immer mit engagierten und spannenden Leuten zusammenarbeiten. Das war ein riesiges Privileg.

Du bist gelernter Geomatiker und hast Marketing studiert – nicht gerade der klassische Weg in die Gewerkschaft.

Tscherrig: Stimmt. Nach der Rückkehr ins Wallis war ich zuerst im Marketingbereich tätig, ein Freund hatte ein Werbeatelier eröffnet. Später habe ich bei einer Versicherung gearbeitet und war auch in der einer regionalen Bank tätig. Gewerkschaften waren damals ehrlich gesagt nicht mein Fokus.

Zu Syna bin ich eher zufällig gekommen – über ein Stelleninserat. Rückblickend war das ein Glücksfall. Und es war damals gar nicht so untypisch, dass Gewerkschafter einen Hintergrund im Versicherungs- oder Finanzbereich hatten. Denn viele Probleme der Arbeitnehmenden und unserer Mitglieder drehen sich genau um Versicherungen oder finanzielle Fragen – da hilft dieses Wissen enorm.

Was hat dich an der Gewerkschaftsarbeit besonders fasziniert?

Tscherrig: Ganz klar die Nähe zu den Menschen. Als Regionalsekretär war ich sehr nah an den Mitgliedern, habe direkt geholfen, beraten und begleitet. Ich hatte viele Rechtsfälle – und ich habe diese Arbeit unglaublich gerne gemacht. Wenn jemand Ungerechtigkeit erfährt und du dazu beitragen kannst, dass diese Person zu ihrem Recht kommt, ist das extrem befriedigend.

Gerade im Bereich der Sozialversicherungen habe ich viel gesehen: Krankheit, IV-Fälle – das hat stark zugenommen. Viele Betroffene werden zwischen den Versicherungen hin- und hergeschoben, und die Tendenz zu Ablehnungen ist deutlich gestiegen. Das macht die Situationen für die Menschen oft sehr belastend.

Hast du in all den Jahren Veränderungen gespürt?

Tscherrig: Ja, definitiv. Ich habe oft den Eindruck, dass heute zu stark auf Einzelfälle fokussiert wird. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen das Thema Sozialversicherungsbetrug sehr präsent war – mit Detektiven und grossem medialem Echo. Früher war da mehr Vertrauen. Natürlich gibt es solche Einzelfälle, aber wir dürfen das grosse Ganze nicht aus den Augen verlieren. Denn am Ende treffen Verschärfungen oft die Falschen.

Auch politisch gibt es Entwicklungen, die uns zu denken geben müssen. Wenn klassische Arbeitnehmende heute Parteien wählen, welche nicht primär ihre Interessen vertreten, dann sollten wir uns fragen, was wir besser machen können. Wir müssen wieder stärker konkrete Lösungen anbieten, damit scheinbar einfache, aber arbeitnehmerfeindliche Ansätze – wie etwa die «10-Millionen-Schweiz»-Initiative – gar nicht erst zur Abstimmung kommen.

Über 30 Jahre bei der Syna – gibt es Ereignisse, die dir besonders geblieben sind?

Tscherrig: Da gibt es viele. In meinen Anfangsjahren habe ich eine Protestaktion bei einem Autobahntunnel in Siders mitorganisiert. Die Blockade hat ein riesiges Echo ausgelöst – das bleibt natürlich hängen.

Ein anderer Moment war ein gewerkschaftsinterner Konflikt rund um Lonza, bei dem es auch Spannungen mit der Unia gab. Solche Situationen gehören dazu, auch wenn sie nicht immer einfach sind.

Am meisten bleiben aber die Einzelschicksale: Menschen, die schwierige Zeiten durchmachen, sich wieder aufraffen und weiterkämpfen. Das berührt einen sehr. Gleichzeitig muss man lernen, eine gewisse Distanz zu wahren.

In den letzten Jahren warst du in der Zentrale tätig. Wie hast du diesen Wechsel erlebt?

Tscherrig: Als Branchenleiter war ich weniger nahe am einzelnen Mitglied und etwas weiter weg von den Regionen, dafür stärker strategisch unterwegs und in nationale Vertragsverhandlungen eingebunden – eine ganz andere Perspektive. Im Rahmen der Sozialpartnerschaft geht es darum, trotz unterschiedlicher Interessen gemeinsam Lösungen mit den Arbeitgebern zu finden – das ist anspruchsvoll, aber sehr bereichernd.

Im Juni steht deine letzte Delegiertenversammlung als Geschäftsleiter an. Mit welchem Gefühl blickst du auf deine Syna-Zeit zurück?

Tscherrig: Mit einem sehr guten. Wenn ich zurückschaue, würde ich meinen Berufsweg wieder genau so wählen. Menschen zu helfen und für Gerechtigkeit zu kämpfen – es gibt nichts Schöneres.

Es ist auch ein spezieller Moment, weil es in diesem Jahr mehrere Wechsel im Vorstand gibt. Viele Weggefährten, mit denen ich über Jahre eng zusammengearbeitet habe, hören ebenfalls auf. Diesen Abschied gemeinsam zu erleben, fühlt sich rund und stimmig an. Gleichzeitig ist es schön zu sehen, wie die Verantwortung in die Hände einer jüngeren Generation übergeht.

Ganz aufhören wirst du aber nicht, oder?

Tscherrig: Nein, auf keinen Fall. Gewerkschafter sein ist nicht einfach ein Job, es ist eine Lebenseinstellung. Ich freue mich zwar darauf, etwas kürzerzutreten, aber ich werde mich weiterhin engagieren – vor allem regional im Oberwallis.

Denn Gewerkschaftsarbeit bleibt wichtig – nicht nur für mich persönlich, sondern für die Schweiz insgesamt. Eine funktionierende Gesellschaft braucht starke Stimmen für die Arbeitnehmenden. Und genau da hat Syna ihren Platz: Als verlässliche Stimme, die den Dialog sucht, lösungsorientiert arbeitet – und wenn es nötig ist, auch kämpft.

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