«Was nützt es, mehr Pflegefachpersonen auszubilden, wenn sie den Beruf nach wenigen Jahren wieder verlassen?»
Syna-Branchenleiter Nico Fröhli erklärt im Interview, weshalb die Ausbildungsoffensive allein den Pflegenotstand nicht beheben kann und bessere Arbeitsbedingungen entscheidend sind, um Pflegefachpersonen langfristig im Beruf zu halten.
Vor fünf Jahren hat die Schweizer Stimmbevölkerung die Pflegeinitiativedeutlich angenommen. Doch die dringend nötigen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen lassen weiterhin auf sich warten. Syna-Branchenleiter Nico Fröhli erklärt, weshalb die Ausbildungsoffensive allein nicht ausreicht und warum es jetzt Druck von der Strasse braucht.
2021 wurde die Pflegeinitiative vom Stimmvolk deutlich angenommen. Das ist nun fünf Jahre her. Viele haben den Eindruck, dass seither wenig passiert ist. Täuscht dieser Eindruck?
Leider nicht. Die deutliche Zustimmung im Jahr 2021 hat gezeigt, wie gross die Wertschätzung für das Pflegepersonal in der Bevölkerung ist. Während der Pandemie wurde sichtbar, was Pflegende tagtäglich leisten. Doch Wertschätzung allein reicht nicht. Viele Beschäftigte warten bis heute auf konkrete Verbesserungen bei ihren Arbeitsbedingungen. Sie haben mehr verdient als Applaus und politische Absichtserklärungen.
Wo stehen wir aktuell bei der Umsetzung der Initiative?
Die Umsetzung erfolgt in zwei Etappen. Die erste ist die Ausbildungsoffensive. Sie ist seit 2024 in Kraft und soll dafür sorgen, dass mehr Menschen eine Ausbildung in der Pflege absolvieren können. Bund und Kantone investieren dafür rund eine Milliarde Franken über acht Jahre hinweg. Das ist ein wichtiger Schritt, denn der Fachkräftemangel ist enorm. Schätzungen gehen davon aus, dass in den kommenden Jahren zehntausende zusätzliche Pflegefachpersonen benötigt werden. Die zweite Etappe betrifft die Arbeitsbedingungen und die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten. Hier geht es um Fragen, die den Berufsalltag direkt prägen: Arbeitszeiten, Dienstplanung, Überstunden, Gesundheitsschutz oder die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Genau in diesem Bereich sind die Fortschritte bisher ungenügend.
Die Ausbildungsoffensive läuft also. Ist damit nicht bereits viel erreicht?
Die Ausbildungsoffensive ist wichtig und längst überfällig. Wir brauchen dringend mehr qualifizierte Pflegefachpersonen. Aber wir dürfen nicht nur darauf schauen, wie viele Menschen eine Ausbildung beginnen oder abschliessen. Entscheidend ist auch, wie viele langfristig im Beruf bleiben. Was nützt es, mit viel Geld zusätzliche Pflegefachpersonen auszubilden, wenn sie nach wenigen Jahren erschöpft oder frustriert den Beruf wieder verlassen? Genau das erleben wir heute. Viele steigen aus, weil die Belastung zu hoch ist, Dienste kurzfristig geändert werden oder Personal fehlt. Wer ständig am Limit arbeitet, hält das nicht bis zur Pensionierung durch. Deshalb sind bessere Arbeitsbedingungen keine Nebensache, sondern die Voraussetzung dafür, dass die Ausbildungsoffensive überhaupt wirkt. Nur wenn die Menschen gerne und gesund in ihrem Beruf bleiben können, wird sich der Fachkräftemangel nachhaltig entschärfen lassen.
Damit wären wir bei der zweiten Etappe: Wie steht es um die Arbeitsbedingungen?
Hier zeigt sich leider, wie gross der politische Widerstand nach wie vor ist. Der Bundesrat hatte Vorschläge vorgelegt, um die Situation spürbar zu verbessern. Dazu gehörten unter anderem eine Senkung der maximalen Arbeitszeit, bessere Zuschläge für Nacht-, Sonnund Feiertagsarbeit sowie klarere Regeln bei Überstunden und Bereitschaftsdiensten. Der Nationalrat hat jedoch zentrale Verbesserungen abgeschwächt oder ganz gestrichen. Die vorgesehene Reduktion der Höchstarbeitszeit wurde abgelehnt. Auch bei den Zuschlägen für belastende Arbeitszeiten blieb deutlich weniger übrig als ursprünglich geplant. Für die Pflegenden ist das eine Enttäuschung. Positiv ist immerhin, dass gewisse Fortschritte erhalten blieben. Arbeitgeber sollen verpflichtet werden, Verhandlungen über Gesamtarbeitsverträge zu führen. Zudem sollen die Kantone Vorgaben zur Personalausstattung festlegen können. Das sind wichtige Elemente, sie reichen aber bei weitem nicht aus.
Wie beurteilt Syna diese Entwicklung?
Wir sind enttäuscht. Die Bevölkerung hat der Pflegeinitiative einen klaren Auftrag mitgegeben: Die Pflege muss gestärkt werden. Dazu gehören zwingend bessere Arbeitsbedingungen. Wenn genau diese Verbesserungen verwässert werden, läuft man Gefahr, den Volkswillen zu missachten. Die Realität in vielen Betrieben ist bekannt. Personalmangel führt zu hoher Arbeitsdichte. Überstunden gehören für viele zum Alltag. Kurzfristige Dienstplanänderungen erschweren das Familienleben. Gleichzeitig steigt der Druck aufgrund der demografischen Entwicklung weiter an. Statt die Beschäftigten besser zu schützen, wurden wichtige Massnahmen abgeschwächt.
Wie geht es nun weiter?
Die Vorlage liegt nun beim Ständerat. Dort besteht die Chance, die Fehler des Nationalrats zu korrigieren und die Anliegen der Pflegefachpersonen ernst zu nehmen. Gemeinsam mit anderen Gewerkschaften und Pflegeverbänden setzen wir uns dafür ein, dass die versprochenen Verbesserungen nicht auf der Strecke bleiben. Denn eines ist klar: Die Schweiz kann den Pflegenotstand nicht bekämpfen, indem sie bloss mehr Menschen ausbildet. Sie muss auch dafür sorgen, dass diese Menschen im Beruf bleiben wollen.
Was können die Beschäftigten selbst tun?
Veränderungen fallen nicht vom Himmel. Die Geschichte zeigt immer wieder: Verbesserungen werden dann möglich, wenn sich die Betroffenen zusammenschliessen und gemeinsam Druck aufbauen. Genau jetzt braucht es ein klares Signal an die Politik. Deshalb rufen wir zur Solidarität mit den Pflegenden auf. Wer bessere Arbeitsbedingungen, mehr Gesundheitsschutz und genügend Personal will, muss diese Forderungen sichtbar unterstützen. Die Pflegeinitiative war ein wichtiges Versprechen an die Beschäftigten. Jetzt ist es an der Politik, dieses Versprechen endlich einzulösen. Bis dahin bleibt der Druck von der Strasse entscheidend.
