Berufliche Integration: Hürden für Migrantinnen
Migrantinnen stehen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt vor vielfältigen Herausforderungen: Sprachbarrieren, familiäre Verpflichtungen, erschwerter Zugang zu Weiterbildungen und fehlende Anerkennung von Qualifikationen. Jackie Vorpe, Leiterin Bildungspolitik bei Travail.Suisse, zeigt konkrete Lösungsansätze auf.
Manche Frauen kommen mit einer Ausbildung, einem Beruf und Berufserfahrung in die Schweiz, doch ihre Kompetenzen werden kaum oder gar nicht anerkannt. Was müsste verbessert werden, damit dieses Potenzial nicht verloren geht?
Zunächst muss zwischen reglementierten und nicht reglementierten Berufen unterschieden werden. Für bestimmte Berufe ist eine formelle Anerkennung des Diploms erforderlich, für andere hingegen nicht. Für Menschen, die neu in die Schweiz kommen, können diese Verfahren schwer verständlich sein. Deshalb braucht es bessere Informationen und eine gezielte Begleitung bei diesen Prozessen.
Vor allem aber muss vermieden werden, dass die Betroffenen systematisch wieder bei null anfangen müssen. Wer mit zehn Jahren Berufserfahrung in die Schweiz kommt, verfügt bereits über Kompetenzen. Die Frage sollte deshalb lauten: Welche Kompetenzen bringt diese Person bereits mit, und wie können diese anerkannt oder ergänzt werden?
Die Validierung von Bildungsleistungen und Berufserfahrung sowie die Möglichkeiten eines Berufsabschlusses für Erwachsene sind deshalb besonders wichtig. Das Schweizer Bildungssystem ermöglicht es unter anderem, ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ) oder ein eidgenössisches Berufsattest (EBA) über alternative Qualifikationsverfahren zu erwerben. Im Jahr 2026 steht die Validierung von Bildungsleistungen allerdings nur für rund fünfzehn Berufe zur Verfügung.
Was können Gewerkschaften und Arbeitgebende konkret tun, damit mehr Migrantinnen Zugang zu Aus- und Weiterbildungen erhalten und sich beruflich weiterentwickeln können?
Gewerkschaften und Arbeitgebende können ganz konkret etwas bewirken: indem sie besser informieren, vorhandene Kompetenzen erkennen, den Zugang zu Bildungsangeboten erleichtern und Rahmenbedingungen schaffen, die eine Teilnahme an Aus- und Weiterbildungen tatsächlich ermöglichen. Dazu gehören beispielsweise angepasste Arbeitszeiten, die Freistellung von der Arbeit für Weiterbildungen, sprachliche Unterstützung oder Kinderbetreuungsangebote. Menschen mit Migrationshintergrund müssen zudem in der Bildungspolitik ausdrücklich berücksichtigt werden.
Bei Travail.Suisse legen wir besonderen Wert auf Berufsabschlüsse für Erwachsene, die Validierung von Bildungsleistungen und Berufserfahrung sowie die Stärkung der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung in allen Lebensphasen. Angebote wie viamia zeigen, wie wichtig die Laufbahnberatung für Erwachsene sein kann, die sich beruflich weiterentwickeln möchten.
An welche Stellen können sich Migrantinnen wenden, die ihre Ausbildung oder Berufserfahrung im Ausland erworben haben und abklären möchten, ob ihre Qualifikationen in der Schweiz anerkannt werden?
Eine erste Anlaufstelle ist das offizielle Portal recognition.swiss. Dort kann man den Beruf angeben, den man ausüben möchte, und überprüfen, ob eine Anerkennung erforderlich ist, welche Behörde dafür zuständig ist und wie man vorgehen muss. Handelt es sich um einen nicht reglementierten Beruf, ist eine formelle Anerkennung in der Regel nicht vorgeschrieben. Dennoch kann es hilfreich sein, das eigene Qualifikationsniveau beurteilen oder bescheinigen zu lassen, um die Stellensuche zu erleichtern.
Welche Anlaufstellen und Beratungsangebote stehen Migrantinnen zur Verfügung, die sich aus- oder weiterbilden möchten, aber noch nicht wissen, welche Möglichkeiten bestehen oder wie sie vorgehen sollen?
Ich würde empfehlen, sich zunächst an eine kantonale Berufs-, Studien- und Laufbahnberatungsstelle zu wenden. Diese Beratungsstellen unterstützen auch Erwachsene dabei, ihre bisherige Laufbahn, ihre Kompetenzen und ihre Ziele zu analysieren und passende Bildungsmöglichkeiten zu entdecken.
Auch das Portal berufsberatung.ch ist eine gute erste Anlaufstelle. Und man sollte nicht zögern, direkt einen Beratungstermin zu vereinbaren: Man muss nicht bereits wissen, welche Ausbildung oder Weiterbildung man absolvieren möchte, um sich beraten zu lassen.
Welchen Rat würdest du einer Migrantin geben, die heute in einer wenig qualifizierten Tätigkeit arbeitet, sich aber beruflich weiterentwickeln möchte?
Ich würde ihr zunächst sagen: Informieren Sie sich und sprechen Sie über Ihre beruflichen Ziele. Eine Berufs- und Laufbahnberatungsstelle kann dabei helfen, mögliche Wege aufzuzeigen.
Es ist aber auch sinnvoll, mit Arbeitskolleginnen und -kollegen, mit den Vorgesetzten oder mit Personen zu sprechen, die sich innerhalb des Unternehmens bereits beruflich weiterentwickelt haben. Welche Wege haben sie eingeschlagen? Welche Aus- oder Weiterbildungen haben sie absolviert? Wer seine beruflichen Ziele offen anspricht, kann dadurch Möglichkeiten entdecken, die zuvor nicht sichtbar waren.
Motivation ist natürlich wichtig, aber sie allein reicht nicht aus. Entscheidend ist auch, dass das Unternehmen, das Bildungssystem und die persönlichen Lebensumstände es ermöglichen, diese Motivation tatsächlich in einen beruflichen Aufstieg umzusetzen.