Erfüllt, aber am Limit
Die Pflege gehört zu den Berufen mit der höchsten Arbeitszufriedenheit. Doch Personalmangel, Zeitdruck und schwierige Arbeitsbedingungen bringen immer mehr Pflegende an ihre Grenzen. Mit dem drohenden Fachkräftemangel wird sich die Situation weiter verschärfen.
Wer in der Schweiz gepflegt wird, begegnet ihnen täglich: den Mitarbeitenden in Spitälern, Pflegeheimen oder bei der Spitex. Über 200 000 Menschen arbeiten hierzulande in Pflegeberufen. Sie unterstützen ältere Menschen im Alltag, begleiten Patientinnen und Patienten nach Operationen, betreuen Menschen mit chronischen Erkrankungen oder ermöglichen ihnen, möglichst lange selbstbestimmt zu Hause zu leben. Die Aufgaben sind vielfältig, die Verantwortung hoch. Und dennoch würden viele Pflegende ihren Beruf wieder wählen.
Sinnvoll wie kaum ein anderer Beruf
Eine aktuelle Studie von Artiset zeigt, dass die Pflege bei der Arbeitszufriedenheit besonders gut abschneidet, wenn es um Sinnhaftigkeit und gesellschaftlichen Nutzen geht. Pflegende erleben ihre Arbeit als wertvoll und wirksam. Sie sehen unmittelbar, wem sie helfen und welchen Unterschied ihr Einsatz macht.
Während viele Berufstätige nach Sinn in ihrer Arbeit suchen, finden ihn Pflegende jeden Tag. Wer einer Patientin die Angst vor einer Behandlung nimmt, einen Bewohner nach einer schwierigen Phase wieder lachen sieht oder einem Menschen ermöglicht, länger in den eigenen vier Wänden zu bleiben, erlebt die Wirkung seiner Arbeit direkt. «Es sind genau diese Aspekte, die viele Pflegende im Beruf halten», sagt Nico Fröhli, Branchenleiter Pflege bei der Syna.
Wenn die Belastung zu gross wird
Doch die gleiche Studie zeigt auch die Kehrseite. Bei Lohn, Arbeitszeiten und Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben schneidet die Pflege deutlich schlechter ab. Schichtarbeit, Nacht- und Wochenenddienste gehören für viele Pflegende zum Alltag. Kurzfristige Dienstplanänderungen erschweren die Organisation des Familienlebens. Gleichzeitig nimmt der Arbeitsdruck zu. Wo Personal fehlt, müssen die verbleibenden Mitarbeitenden zusätzliche Aufgaben übernehmen. Für Gespräche mit Patientinnen und Patienten oder einfach einen Moment des Durchatmens bleibt oft kaum Zeit.
Viele Pflegende verlassen deshalb ihren Beruf nicht, weil ihnen die Arbeit keinen Sinn mehr gäbe. Sie verlassen ihn, weil die Belastung dauerhaft zu hoch wird. Das zeigt sich auch in den hohen Fluktuationsraten innerhalb der Branche. Erfahrene Fachpersonen reduzieren ihr Pensum, wechseln in andere Bereiche oder steigen ganz aus dem Beruf aus. Besonders schmerzhaft ist das, weil damit wertvolles Wissen und Erfahrung verloren gehen.
Der Druck wird weiter zunehmen
Die Perspektiven sind besorgniserregend. Gemäss Prognosen des Bundes werden in den kommenden Jahren deutlich mehr Pflegeleistungen benötigt. Die Bevölkerung wird älter, gleichzeitig steigt die Lebenserwartung. Damit wächst auch der Bedarf an Betreuung und Pflege. Bereits heute kämpfen viele Institutionen mit Personalengpässen. Und die Entwicklung dürfte sich fortsetzen. Schätzungen zufolge könnten bis in sieben Jahren rund 36 000 Pflegefachpersonen fehlen.
Für die Beschäftigten bedeutet das vor allem eines: noch mehr Druck. Wenn Stellen unbesetzt bleiben, verteilt sich die Arbeit auf immer weniger Schultern. Zusätzliche Schichten, Einspringen an freien Tagen und eine steigende Arbeitsbelastung werden zur Normalität. Damit wächst auch das Risiko, dass weitere Fachkräfte dem Beruf den Rücken kehren. Es droht ein Teufelskreis: Personalmangel führt zu höherer Belastung. Die höhere Belastung führt zu Berufsausstiegen. Diese wiederum verschärfen den Personalmangel.
Gute Pflege braucht politische Lösungen
Die hohe Arbeitszufriedenheit zeigt: Die Pflege hat kein Attraktivitätsproblem. Die Menschen arbeiten gerne in ihrem Beruf. Was fehlt, sind Arbeitsbedingungen, die es ermöglichen, ihn langfristig auszuüben. Genau dort setzte die Pflegeinitiative an, die 2021 von der Stimmbevölkerung angenommen wurde. Mit der Ausbildungsoffensive wurde ein erster wichtiger Schritt gemacht. Damit die zusätzlichen Ausbildungsplätze jedoch nachhaltig wirken, müssen die Anstrengungen konsequent weitergeführt werden. Vor allem aber müssen die ausgebildeten Fachpersonen im Beruf gehalten werden können.
Deshalb ist die zweite Etappe der Pflegeinitiative so wichtig. Sie soll die Arbeitsbedingungen verbessern, wird aktuell aber im Parlament beraten und in zentralen Punkten abgeschwächt. Welche Folgen das für die Pflegenden und die Gesundheitsversorgung hat, erklärt Branchenleiter Nico Fröhli im folgenden Interview.
Klar ist: Die Zukunft der Pflege betrifft uns alle. Deshalb braucht es weiterhin Druck auf die Politik. Ein sichtbares Zeichen setzt die nationale Pflegedemonstration vom 28. November auf dem Bundesplatz in Bern. Denn gute Pflege braucht nicht nur genügend Ausbildungsplätze, sondern auch Arbeitsbedingungen, die Menschen langfristig im Beruf halten.
