Zum Hauptinhalt springen
Syna

Aktuell



Neuste Beiträge


Empfohlene Beiträge


Medienmitteilungen


Politik


Engagement, Gleichstellung


Aus den Regionen (D)

«Die Reallöhne stagnieren seit gut zehn Jahren»

Die Lohnverhandlungen für 2026 geben wenig Anlass zur Zuversicht. Syna stuft die Lohnrunde als ungenügend ein. Nora Picchi, Leiterin Gewerkschaftspolitik bei Syna, erklärt die Gründe dafür und zeigt, weshalb viele Arbeitnehmende trotz einzelner Verbesserungen heute kaum besser dastehen als vor zehn Jahren. 

Syna bezeichnet die Lohnrunde 2026 als ungenügend. Wie kommt ihr zu diesem Schluss?

Nora Picchi: Wenn wir die aktuelle Lohnrunde auswerten, sehen wir ein sehr ernüchterndes Bild. In den meisten Branchen erhalten die Arbeitnehmenden keine oder nur minimale Lohnerhöhungen. Syna forderte eine generelle Lohnerhöhung von zwei Prozent. Diese Erwartung wurde klar verfehlt. In mehr als der Hälfte der Branchen liegen die vereinbarten Erhöhungen zwischen 0,2 und 0,5 Prozent. Nur in rund zehn Prozent der Fälle gibt es Lohnsteigerungen von mehr als einem Prozent. Bei einer Inflationsprognose von rund 0,5 Prozent für das kommende Jahr bedeutet das für die Beschäftigten in mehr als der Hälfte der Branchen einen Reallohnverlust. Sie können sich nächstes Jahr weniger leisten als im Jahr zuvor – das ist eine sehr problematische Entwicklung.

In den letzten drei Jahren gab es dennoch wieder positive Reallohnentwicklungen. Sind diese nicht als Erfolg zu werten?

Picchi: Natürlich ist es grundsätzlich positiv, dass die Löhne in den letzten zwei bis drei Jahren wieder leicht gestiegen sind. Aber man darf die Lohnentwicklung nicht isoliert betrachten, sondern muss sie in einem langfristigen Horizont einordnen. Wenn wir die letzten zehn Jahre anschauen, stellen wir fest: Die Verbesserungen von 2024 und 2025 haben lediglich einen Teil der massiven Reallohnverluste aus den Inflationsjahren 2021 bis 2023 ausgeglichen. Das war notwendig, aber es ist kein echter Fortschritt. Wenn die Reallöhne über ein Jahrzehnt stagnieren oder sinken und dann zwei Jahre leicht aufholen, stehen die Arbeitnehmenden am Ende trotzdem weitgehend am gleichen Ort wie zuvor. 

Wie stark trifft diese Entwicklung die Arbeitnehmenden konkret im Alltag? 

Picchi: Sehr stark. Eine aktuelle Studie von Travail.Suisse zeigt, dass rund ein Drittel der Arbeitnehmenden in den letzten drei Jahren keine einzige Lohnerhöhung erhalten hat. Gleichzeitig steigen die Mieten, die Krankenkassenprämien und die Lebenshaltungskosten insgesamt spürbar an. Viele Haushalte geraten dadurch zunehmend unter Druck. Besonders problematisch ist auch der Trend weg von generellen Lohnerhöhungen hin zu individuellen Anpassungen. Wenn ein Unternehmen die Lohnsumme beispielsweise um 0,5 Prozent erhöht, kann das bedeuten, dass die Hälfte der Belegschaft ein Prozent mehr erhält, während die andere Hälfte leer ausgeht. Das verschärft Ungleichheiten und spaltet die Belegschaften. 

Arbeitgeber verweisen häufig auf ein schwieriges wirtschaftliches Umfeld. Ist dieses Argument aus eurer Sicht stichhaltig?

Picchi: Das wirtschaftliche Umfeld ist ohne Zweifel anspruchsvoll. Die Frankenaufwertung, Unsicherheiten im internationalen Handel und der politische Spardruck stellen Unternehmen vor Herausforderungen. Aber diese Situation ist sehr unterschiedlich – je nach Branche und Betrieb. Insgesamt wächst die Schweizer Wirtschaft weiter: Die Wertschöpfung nimmt zu, die Beschäftigung steigt, insbesondere im Dienstleistungssektor. Wir befinden uns nicht in einer generellen Krise. Wer pauschal behauptet, es gäbe keinen Spielraum für Lohnerhöhungen, blendet wesentliche wirtschaftliche Fakten aus

Auffällig ist, dass die Produktivität weiter steigt. Warum ist dieses Thema für Syna so zentral?

Picchi: Produktivität ist der Schlüssel für eine nachhaltige Lohnentwicklung. Wenn pro Arbeitsstunde mehr Wertschöpfung entsteht, sollte sich das grundsätzlich auch in höheren Löhnen niederschlagen. In den letzten 25 Jahren lag das durchschnittliche Produktivitätswachstum bei rund 1,2 Prozent pro Jahr. Seit etwa fünf Jahren beobachten wir jedoch eine klare Entkoppelung: Die Produktivität steigt, die Reallöhne hingegen nicht. Diese Lohn- Produktivitätslücke wächst – und schliesst sich nicht mehr automatisch. 

Was bedeutet diese Entkoppelung für die Verteilung des wirtschaftlichen Erfolgs?

Picchi: Ganz einfach: Die zusätzlichen Erträge verbleiben zunehmend bei den Unternehmen und den Aktionärinnen und Aktionären. Die Arbeitnehmenden gehen leer aus oder erhalten bestenfalls einen kleinen Teil davon. Es gibt keinen Marktmechanismus, der von selbst für eine faire Verteilung sorgt. Ohne Druck durch Gesamtarbeitsverträge, starke Gewerkschaften und klare politische Rahmenbedingungen passiert schlicht nichts.

Gibt es trotz der ernüchternden Bilanz auch Lichtblicke?

Picchi: Ja, es gibt Lichtblicke, etwa im Bauhauptgewerbe mit dem neuen Landesmantelvertrag. Nach sehr zähen Verhandlungen konnten dank Mobilisierung und Protesten bessere Löhne, weniger unbezahlte Arbeitszeit und ein automatischer Teuerungsausgleich durchgesetzt werden. Auch im Maler- und Gipsergewerbe wurden Fortschritte erzielt. Diese Beispiele zeigen, dass gut organisierte Arbeitnehmende Erfolge erreichen können. Insgesamt bleibt die Bilanz der Lohnrunde 2026 jedoch ernüchternd: Einzelne Verbesserungen ändern nichts daran, dass die strukturelle Lohnschwäche anhält. Damit Arbeit sich wieder lohnt, braucht es stärkere Gesamtarbeitsverträge, generelle Lohnerhöhungen und eine klare Priorisierung der Kaufkraft der Arbeitnehmenden. 

Ähnliche Beiträge

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ablehnen Akzeptieren