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«Arbeitnehmende müssen fair am Erfolg beteiligt werden»

Der Herbst ist traditionell die Zeit der Lohnverhandlungen. Vor dem Hintergrund steigender Lebenshaltungskosten stellte die Gewerkschaft Syna ihre Lohnforderungen für 2026 vor. Wir haben mit Präsidentin Yvonne Feri über die Schwerpunkte und Herausforderungen gesprochen.

Mit welchen Voraussetzungen starten die diesjährigen Lohnverhandlungen?

Yvonne Feri: Viele Arbeitnehmende haben das Gefühl, dass von der wirtschaftlichen Entwicklung bei ihnen zu wenig ankommt. Dieser Eindruck deckt sich auch mit den Zahlen. Die Produktivität und die Wirtschaft sind in den letzten Jahren gewachsen, doch die Löhne vieler Beschäftigter haben mit dieser Entwicklung nicht Schritt gehalten. Zwar haben sich die Reallöhne 2025 kurz erholt, gleichzeitig steigen aber die Lebenshaltungskosten weiter – insbesondere die Krankenkassenprämien und die Mieten. Das belastet viele Haushalte spürbar. In zahlreichen Branchen erzielen die Unternehmen gute oder zumindest stabile Ergebnisse. Deshalb sind wir der Meinung: Die Menschen, die täglich zum Erfolg dieser Unternehmen beitragen, sollen ebenfalls fair davon profitieren.

Besonders ins Auge sticht die Forderung im Gesundheitswesen. Warum verlangt Syna dort eine Lohnerhöhung von 5 bis 6 Prozent?

Feri: Das Gesundheitswesen hat einen besonders grossen Nachholbedarf. Die Mitarbeitenden leisten seit Jahren enorm viel, arbeiten häufig unter hoher Belastung und tragen eine grosse Verantwortung. Trotzdem gehört die Lohnentwicklung zu den schwächsten überhaupt.

Gleichzeitig bleibt der Fachkräftemangel ein zentrales Problem. Wenn wirklich mehr Fachkräfte gewonnen und gehalten werden sollen, müssen sich bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne auch konkret zeigen. Wer eine gute Gesundheitsversorgung will, muss bereit sein, in das Personal zu investieren. Umso enttäuschender ist, dass selbst die Annahme der Pflegeinitiative bisher keine spürbaren Verbesserungen gebracht hat, weil ihre Umsetzung weitgehend gescheitert ist.

Syna Jura hat dazu eine kantonale Initiative lanciert. Welche Botschaft steckt dahinter?

Feri: Wir wollten zeigen, dass es nicht reicht, nur über den Pflegenotstand zu reden. Mit der Initiative fordern wir konkrete Massnahmen. Im Jura soll ein jährliches Finanzierungsprogramm helfen, mehr Pflegepersonal einzustellen, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und die Löhne anzuheben.

Für uns ist das ein wichtiges Signal. Wenn die Finanzierung immer wieder als Hindernis genannt wird, dann müssen Politik und öffentliche Hand Verantwortung übernehmen. Und falls nötig, werden wir ähnliche Diskussionen auch in anderen Kantonen führen.
Sind die Forderungen in allen Branchen so hoch?

Feri: Nein. Unsere Forderungen richten sich immer nach der jeweiligen Situation der Branche. In der Industrie verlangen wir beispielsweise 2 Prozent mehr Lohn. Das ist eine moderate Forderung. Im vergangenen Jahr waren wir wegen der wirtschaftlichen Unsicherheiten bewusst zurückhaltend. Jetzt ist es aus unserer Sicht fair, dass die Beschäftigten ebenfalls etwas von der Stabilisierung profitieren. Auch im Detailhandel fordern wir 2 Prozent. Dort sind die Löhne lange Zeit nur schwach gestiegen, während die Anforderungen an die Beschäftigten zugenommen haben. Im Gastgewerbe wiederum stehen für uns deutlich höhere Mindestlöhne im Zentrum, weil dort besonders grosser Nachholbedarf besteht.

Im Bauhauptgewerbe stellt Syna hingegen keine zusätzliche Lohnforderung. Weshalb?

Feri: Weil dort bereits eine gute Lösung besteht. Im Landesmantelvertrag wurde ein automatischer Teuerungsausgleich vereinbart. Das bedeutet, dass die Löhne jährlich mindestens an die Teuerung angepasst werden.

Das ist ein Erfolg der Sozialpartnerschaft. Die Arbeitnehmenden müssen nicht jedes Jahr aufs Neue um den Erhalt ihrer Kaufkraft kämpfen. Solche vertraglichen Lösungen schaffen Sicherheit und Verlässlichkeit für beide Seiten.

Welche Rolle spielt die Sozialpartnerschaft generell?

Feri: Eine sehr wichtige. Es gibt Branchen, die zeigen, dass Sozialpartnerschaft funktionieren kann. Wenn Arbeitgeber und Gewerkschaften regelmässig miteinander Lösungen finden und die Kaufkraft der Beschäftigten ernst nehmen, dann profitieren alle davon.

Das sehen wir zum Beispiel in der Gebäudehülle oder in der Holzindustrie. Dort wurden in den vergangenen Jahren faire Lohnerhöhungen vereinbart. Solche Beispiele verdienen Anerkennung. Gute Sozialpartnerschaft schafft Vertrauen und sorgt für stabile Verhältnisse.

Was ist deine wichtigste Botschaft für die kommenden Lohnverhandlungen?

Feri: Die Arbeitnehmenden haben auch im vergangenen Jahr einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg der Unternehmen geleistet. Deshalb dürfen Produktivitätsfortschritte und Unternehmenserfolge nicht allein den Unternehmen oder den Aktionärinnen und Aktionären zugutekommen. Die Beschäftigten müssen fair am erwirtschafteten Wohlstand beteiligt werden. Geschieht dies, können auch die steigenden Krankenkassenprämien und Lebenshaltungskosten wirksam ausgeglichen werden. Unsere Forderungen sind bewusst differenziert: Dort, wo Nachholbedarf besteht, fordern wir deutliche Verbesserungen. Dort, wo die Sozialpartnerschaft gut funktioniert, anerkennen wir das. Am Ende gilt ein einfacher Grundsatz: Gute Arbeit verdient gute Löhne.

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