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Das Schweigen brechen

Im Rahmen ihres Einsatzes für Gleichstellung und gute Arbeitsbedingungen hat Syna bei ihren Mitgliedern eine Umfrage zu sexistischer und sexueller Gewalt am Arbeitsplatz durchgeführt. Die Berichte zeigen, wie gross ein Problem ist, über das oft geschwiegen wird. 

Am Arbeitsplatz – wie auch in anderen Lebensbereichen – bleiben Verletzungen der Würde sowie der körperlichen oder psychischen Unversehrtheit von Frauen häufig verborgen. Angst, Scham und Schweigen verhindern, dass Betroffene sich äussern. Die Aussagen, die Syna zwischen März und September 2025 gesammelt hat, zeigen Unsicherheit, Rückzug und oft auch Angst. Manche Frauen kündigen sogar, ohne den wahren Grund zu nennen. 

Von abwertenden Bemerkungen über übergriffige Gesten bis hin zu psychischer Belästigung oder sexuellen Übergriffen entsteht ein Klima, in dem Betroffene schweigen, um sich zu schützen. Dieses Problem wird noch verstärkt, weil solches Verhalten oft verharmlost oder toleriert wird. Den Betroffenen fehlen dadurch Unterstützung und Schutz. 

Eine alltägliche Realität

Überall zeigen sich ähnliche Muster: sexistische Bemerkungen, die als «Witz» gemeint sind, wiederholte Anspielungen, unangemessene Berührungen oder einschüchterndes Verhalten. Gleichzeitig gibt es Menschen, die sagen: «Solange es keine körperliche Gewalt gibt, ist es nicht so schlimm», oder «Frauen müssen einfach Nein sagen». Auch Aussagen wie «Wer so angezogen zur Arbeit kommt, ist selbst schuld» sind weit verbreitet. 

Solche Aussagen ignorieren, wie verletzend Demütigungen sind. Sie übersehen auch, dass viele Frauen Konflikte und mögliche Folgen fürchten. Kleidung ist keine Einladung zu Übergriffen. Wenn Gewalt und Belästigung kleingeredet werden, beginnen Betroffene oft, an sich selbst zu zweifeln oder sich schuldig zu fühlen. Das Ergebnis ist ein belastendes Arbeitsumfeld, in dem viele lieber schweigen, um ihren Arbeitsplatz nicht zu gefährden.

Machtverhältnisse verschärfen das Problem

In vielen Berichten ist die beschuldigte Person ein Vorgesetzter. Das macht es für Betroffene besonders schwierig, sich zu wehren. Eine Frau berichtet: «Nachdem ich die Vorfälle gemeldet hatte, wurde ich isoliert und von Sitzungen ausgeschlossen.» 

Wenn die Unternehmensleitung den Täter schützt statt die betroffene Person, entsteht ein starkes Gefühl von Ungerechtigkeit. Noch schwieriger wird die Situation, wenn der Täter ein Kunde ist und die Arbeitgeberin ihre Mitarbeiterinnen nicht unterstützt. 

Schweigen als Selbstschutz

Die meisten Personen, mit denen Syna gesprochen hat, haben die erlebte Gewalt nie gemeldet. Schweigen ist für viele ein Mittel, um beruflich zu überleben. «Ich habe nichts gesagt, weil ich mich an meine Vorgesetzten hätte wenden müssen. Es gab keine Garantie für Anonymität», sagt eine Betroffene.

Eine andere erzählt: «Meine Gesundheit hat immer mehr gelitten, und am Schluss habe ich gekündigt, ohne eine neue Stelle zu haben.» Viele berichten, sie hätten «alles geschluckt», «versucht zu vergessen» oder «gewartet, bis es vorbei ist». Solange die Angst besteht, den Job zu verlieren oder die Situation zu verschlimmern, erscheint Schweigen oft sicherer als Reden. 

Was Statistiken nicht zeigen

Die persönlichen Berichte machen sichtbar, was Zahlen allein nicht zeigen: wiederholte Demütigungen vor dem Team, übergriffige Gesten, anhaltende sexualisierte Nachrichten – aber auch körperliche Gewalt. Eine Verkäuferin berichtet, sie sei «im Lift des Geschäfts, in dem sie arbeitete, sexuell angegriffen worden».

Das Leiden der Betroffenen wird oft noch verstärkt durch abwertende Reaktionen wie: «Ein Witz hat noch niemandem geschadet» oder «Man kann andere nicht ändern, aber lernen, damit umzugehen». Solche Aussagen schieben den Betroffenen die Verantwortung zu. 

Es braucht unabhängige Hilfe und klare Strukturen

So unterschiedlich die Situationen auch sind, die Forderungen sind klar: Es braucht eine unabhängige Anlaufstelle, die nicht Teil der Hierarchie und leicht zugänglich ist sowie Anonymität garantiert. «In den Betrieben sollte es einen viel diskreteren und klareren Handlungsplan geben », sagt eine Teilnehmerin der Syna-Umfrage. 

Viele fordern zudem besser sichtbare Meldestellen, echte psychologische und rechtliche Unterstützung sowie konsequente Sanktionen. Die bestehenden Regelungen werden oft als unklar und wenig wirksam erlebt. 

Vertrauen wiederherstellen

Die Umfrage von Syna zeigt deutlich: Solange es keine wirksamen und vertrauenswürdigen Strukturen gibt, bleiben Betroffene allein, Angst bleibt bestehen und Gewalt hört nicht auf. Dringend nötig ist deshalb eine vollständig unabhängige Stelle, die Anonymität, Vertraulichkeit und Begleitung garantiert. 

Zudem braucht es eine tripartite Kommission mit Vertreterinnen und Vertretern der Kantone, der Gewerkschaften und der Arbeitgeber. Diese soll die Massnahmen begleiten, Transparenz schaffen und ihre Wirksamkeit überprüfen. Nur so kann ein glaubwürdiger Rahmen entstehen, der Gewalt verhindert, Vertrauen stärkt und Arbeitsplätze schafft, an denen Respekt, Sicherheit und Gerechtigkeit selbstverständlich sind. Syna setzt sich weiterhin entschlossen für dieses Ziel ein.

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