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«Teilzeitarbeit darf nicht länger ein Privileg bleiben»

Teilzeitarbeit boomt: Fast 40 Prozent der Arbeitnehmenden in der Schweiz arbeiten inzwischen in einem reduzierten Pensum. Doch was für die einen eine Chance ist, bedeutet für andere eine Belastung oder sogar ein Risiko. Wir haben mit Syna-Präsidentin Yvonne Feri über Chancen, Herausforderungen und notwendige Reformen gesprochen. 

Die neusten Zahlen zeigen: Fast zwei Millionen Menschen in der Schweiz arbeiten Teilzeit. Was sind die Gründe dafür?

Yvonne Feri: Es gibt zwei Seiten. Auf der einen Seite ist Teilzeitarbeit eine Antwort auf konkrete Bedürfnisse: Viele Menschen wollen Beruf und Familie vereinbaren, sich weiterbilden oder Zeit für ein gesellschaftliches Engagement haben. Ohne ein reduziertes Pensum wäre das schlicht nicht möglich. Denken wir an junge Eltern, die ihre Kinder betreuen wollen, oder an eine Pflegefachperson, die parallel eine Weiterbildung absolviert – für sie ist Teilzeitarbeit ein Schlüssel zu einem erfüllten Leben.

Auf der anderen Seite gibt es Teilzeitstellen, die nicht aus freier Entscheidung entstehen, sondern vom Arbeitgeber so vorgegeben werden. Besonders im Detailhandel, in der Reinigung oder im Gastgewerbe werden Mitarbeitende häufig nur mit 50 oder 60 Prozent angestellt – obwohl sie gerne mehr arbeiten würden. Das bedeutet ein chronisch tiefes Einkommen, das kaum zum Leben reicht. Dazu kommt: In manchen Berufen ist die Arbeitslast so hoch, dass Menschen reduzieren müssen, weil eine Vollzeitstelle gesundheitlich schlicht nicht möglich wäre – etwa in der Pflege. Die Gründe für Teilzeitarbeit sind also sehr unterschiedlich.
Das Klischee, dass Teilzeitarbeit vor allem ein Privileg für Besserverdienende ist, stimmt also nicht ganz. Warum wird es trotzdem so wahrgenommen?

Feri: Weil Teilzeitarbeit vor allem dann funktioniert, wenn das Einkommen auch bei einem reduzierten Pensum reicht. Eine Juristin oder ein IT-Spezialist kann ihr Pensum auf 80 Prozent senken, ohne gleich in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten. Für eine Verkäuferin, einen Logistikmitarbeiter oder eine Pflegeassistentin ist das kaum möglich. Bei ohnehin tiefen Löhnen bedeutet Teilzeit fast automatisch wirtschaftliche Unsicherheit.

Das ist ein zentrales Problem: Zeit mit der Familie zu verbringen oder sich weiterzubilden, darf kein Privileg für Menschen mit hohem Einkommen sein. Weiterbildung ist in einer Arbeitswelt, die sich rasant verändert, unverzichtbar – und muss allen offenstehen. Dafür braucht es höhere Mindestlöhne, bessere Gesamtarbeitsverträge und eine klare Aufwertung jener Branchen, in denen vor allem Frauen tätig sind: Gesundheit, Betreuung, Reinigung und Detailhandel. 

Gibt es Beispiele aus dem Alltag, die zeigen, wie schwierig die Situation sein kann?

Feri: Ja, nehmen wir eine Verkäuferin in einer grossen Detailhandelskette. Sie arbeitet offiziell 50 Prozent. Auf den ersten Blick klingt das gut – doch in der Praxis sieht es ganz anders aus. Ihre Schichten wechseln jede Woche, manchmal muss sie nur wenige Stunden am Tag arbeiten, verteilt auf fünf oder sechs Tage. Feste freie Tage gibt es nicht. Für sie bedeutet das: Die Kinderbetreuung lässt sich kaum organisieren, Familienleben ist schwer planbar. Und obwohl sie nur ein Teilzeitpensum hat, ist sie fast ständig mit der Arbeit beschäftigt, weil die Einsätze so zerstückelt sind. 

Ein anderes Beispiel ist eine Pflegefachperson, die ursprünglich 100 Prozent angestellt war. Wegen der hohen Belastung – Nachtdienste, körperlich schwere Arbeit, grosser emotionaler Druck – reduziert sie auf 80 Prozent, um ihre Gesundheit zu schützen. Eigentlich eine vernünftige Entscheidung. Doch damit verliert sie Einkommen und baut weniger Rentenansprüche auf. Über die Jahre summiert sich das zu einem erheblichen Nachteil. Hier müssten dringend Strukturen geschaffen werden, damit Menschen auch in belastenden Berufen gesund Vollzeit arbeiten können – ohne die eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzen. 

Auffallend ist der grosse Unterschied zwischen Männern und Frauen. 2022 arbeiteten über die Hälfte der Frauen Teilzeit, bei den Männern nur 16 Prozent. Woher kommt das?

Feri: Noch immer sind es vor allem Frauen – insbesondere Mütter –, die Teilzeit arbeiten. Männer reduzieren ihr Pensum deutlich seltener. Damit bleibt die ungleiche Verteilung der unbezahlten Arbeit bestehen: Frauen übernehmen mehr Betreuung und Haushalt, Männer arbeiten häufiger Vollzeit. Viele Familien entscheiden sich auch aus ökonomischen Gründen so: Frauen sind oft in schlechter bezahlten Berufen tätig. Da erscheint es logisch, dass die Person mit dem tieferen Lohn reduziert. Gleichzeitig gibt es viele klassische Männerberufe, in denen Teilzeit schlicht nicht vorgesehen ist – etwa auf dem Bau. Väter, die kürzertreten wollen, stossen dort auf grosse Hürden. Dann bleibt nur die Möglichkeit, dass die Mutter reduziert.

Die Verteilung ist nach wie vor stark geschlechtsspezifisch. Doch es gibt auch Bewegung: Zwischen 2010 und 2022 ist der Anteil der teilzeitbeschäftigten Männer um 53 Prozent gestiegen. Trotzdem stellen Frauen nach wie vor die grosse Mehrheit. 

Gleichzeitig gilt Teilzeitarbeit als Karrierekiller. Stimmt das – und welche langfristigen Folgen hat das?

Feri: Leider ja. Viele erleben, dass Teilzeit mit «halbem Engagement» gleichgesetzt wird. Weiterbildung wird seltener angeboten, Karriereschritte werden weniger gefördert. Besonders in Führungspositionen gilt nach wie vor die Vorstellung, man müsse für eine Leitungsaufgabe zwingend 100 Prozent präsent sein. Denken wir an die Pflegefachperson, die ihr Pensum reduziert hat, um gesund zu bleiben: Für die Stationsleitung kommt sie dann oft nicht mehr infrage – obwohl sie fachlich bestens geeignet wäre. Jobsharing oder Führung in Teilzeit würden hier Lösungen bieten, doch solche Modelle sind noch immer die Ausnahme. 

Die Folgen sind gravierend: Wer Teilzeit arbeitet, verliert nicht nur Chancen auf Weiterbildung und Karriere, sondern auch auf eine solide Altersvorsorge. Besonders Frauen stehen im Alter oft mit deutlich weniger Einkommen da. 

Welche Anpassungen wären nötig, damit Teilzeitarbeit eine echte Chance für alle wird?

Feri: Gemeinsam mit unserem Dachverband Travail.Suisse haben wir 19 konkrete Forderungen ausgearbeitet. Ein paar besonders wichtige sind:

  • Recht auf Teilzeitarbeit bei familiären Verpflichtungen – mit einem garantierten Rückkehrrecht auf das ursprüngliche Pensum. 
  • Feste freie Tage für Teilzeitangestellte, damit sie verlässlich planen können. 
  • Zugang zu Weiterbildung unabhängig vom Pensum. Oft werden Teilzeitangestellte heute nicht berücksichtigt. 
  • Bessere Altersvorsorge, etwa durch die Zusammenlegung von Mehrfachpensen in einer Pensionskasse oder durch eine Anpassung des Koordinationsabzugs. 
  • Aufwertung von Tieflohnbranchen durch höhere Löhne und stärkere Gesamtarbeitsverträge. Ohne faire Löhne bleibt Teilzeitarbeit in diesen Berufen eine Illusion. 

Diese Massnahmen würden Teilzeitarbeit aus der Sackgasse holen und zu einem echten Modell der Wahl machen. 

Welche Vision hat Syna für die Zukunft?

Feri: Unser Ziel ist eine moderne Arbeitswelt, in der Teilzeitarbeit für alle zugänglich ist – unabhängig vom Einkommen oder vom Beruf. Sie darf nicht länger ein Privileg für Gutverdienende sein. Dazu gehören faire Löhne, sichere Renten, Weiterbildungsmöglichkeiten und echte Karrierechancen auch in Teilzeit.

Wichtig ist: Es geht nicht darum, dass alle gleich leben sollen. Sondern darum, dass jede und jeder die gleichen Chancen hat, das passende Modell zu wählen. Ob Vollzeit, Teilzeit oder ein Mix – jede Familie und jede Person soll sich frei entscheiden können, ohne finanzielle oder berufliche Nachteile befürchten zu müssen.

Gleichzeitig liegt hier ein grosses, noch ungenutztes Potenzial – gerade bei Frauen, die heute oft in kleinen Teilzeitpensen arbeiten. Viele von ihnen würden ihr Pensum gerne erhöhen, wenn die Löhne stimmen, die Betreuung gesichert ist und die Arbeitsbedingungen planbarer sind. In Zeiten von Fachkräftemangel wäre das ein enormer Gewinn, nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für unsere Wirtschaft und Gesellschaft. 

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