Interview mit Bea Heim: Altersdiskriminierung – hinschauen und handeln!
Altersdiskriminierung betrifft in der Schweiz weiterhin viele Menschen, insbesondere in der Arbeitswelt. Um diese Situation zu verändern, hat FARES VASOS kürzlich eine Petition mit 25'770 Unterschriften an das Parlament und den Bundesrat übergeben, um den Schutz vor Altersdiskriminierung zu stärken.
Bea Heim, Präsidentin von FARES VASOS und ehemalige Nationalrätin, spricht über die verschiedenen Formen der Altersdiskriminierung, die notwendigen Veränderungen und mögliche Lösungen für eine Gesellschaft, die allen Generationen mit mehr Respekt begegnet.
Altersdiskriminierung bleibt oft unsichtbar. In welchen Formen zeigt sie sich Ihrer Meinung nach heute in der Schweiz am häufigsten?
Altersdiskriminierung zeigt sich dort, wo das Alter als Begründung für Benachteiligungen verwendet wird. Besonders sichtbar ist dies auf dem Arbeitsmarkt: Menschen über 55 haben nach einem Stellenverlust deutlich schlechtere Chancen auf eine neue Anstellung – unabhängig von ihrer Qualifikation und ihrem beruflichen Beitrag.
Im Pensionsalter ist erlebt Altersdiskriminierung beispielsweise, wenn gesundheitliche Beschwerden vorschnell dem Alter zugeschrieben werden, notwendige Abklärungen nicht gemacht oder der Zugang zur Rehabilitation erschwert wird. Hinzu kommen Benachteiligungen auf dem Wohnungsmarkt und der nach wie vor ungenügende Schutz vor Gewalt im Alter.
Es sind die gängigen negativen Vorstellungen vom Alter, welche zu solchen Benachteiligungen führen und Altersdiskriminierung anheizen.
Viele Erwerbstätige über 60 berichten uns, dass sie sich im Berufsleben zunehmend ausgegrenzt fühlen – obwohl gleichzeitig offiziell dazu aufgerufen wird, länger zu arbeiten. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?
Dieser Widerspruch ist politisch nicht aufgelöst. Wenn die Politik fordert, dass Menschen länger arbeiten, muss sie zuerst dafür sorgen, dass ältere Arbeitnehmende überhaupt faire Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.
Es macht wenig Sinn, das Rentenalter zu erhöhen, während gleichzeitig Menschen über 55 bei Bewerbungen aussortiert, bei Weiterbildungen benachteiligt und nach Umstrukturierungen zunehmend Schwierigkeiten haben, eine Anstellung zu bekommen. Wer längeres Arbeiten fordert, sollte die Kompetenz älterer Arbeitskräfte nutzen, ihre Erfahrung und Zuverlässigkeit anerkennen, statt sie als Kostenfaktor zu betrachten. Entscheidend ist nicht das Geburtsdatum, sondern die Fähigkeit und der Einsatz eines Menschen.
Die VASOS hat kürzlich eine Petition mit über 25'000 Unterschriften gegen Altersdiskriminierung beim Parlament eingereicht. Was erwarten Sie in den kommenden Jahren konkret von Politik und Arbeitgebern?
Die 25'770 Unterschriften machen deutlich: Viele Menschen akzeptieren nicht länger, dass Altersdiskriminierung verharmlost oder ignoriert wird.
Von der Politik erwarten wir, dass sie die Verfassung endlich umsetzt und einen wirksamen gesetzlichen Schutz vor Altersdiskriminierung schafft. Die Schweiz verfügt heute über keinen umfassenden Schutz, der Menschen wegen ihres Alters in allen Lebensbereichen wirksam schützt. Es braucht klare Regeln und konkrete Massnahmen – im Erwerbsleben, in der Gesundheitsversorgung, beim Wohnen und beim Schutz vor Gewalt im Alter.
Von der Wirtschaft erwarten wir, dass Menschen nach ihren Fähigkeiten beurteilt werden und nicht einfach nach ihrem Alter. Wer den Fachkräftemangel beklagt, kann es sich nicht leisten, erfahrene Mitarbeitende auszusortieren.
Auch nach der Pensionierung darf Alter kein Grund sein, Menschen weniger ernst zu nehmen oder gar ihre Rechte infrage zu stellen. Ideen, älteren Menschen wegen ihres Alters das Stimm- und Wahlrecht zu entziehen, sind eine besonders deutliche Form von Altersdiskriminierung. In einer Demokratie zählt jede Stimme gleich. Statt Generationen gegeneinander auszuspielen, braucht es den Dialog und die Zusammenarbeit aller Altersgruppen.
Welche Botschaft möchten Sie den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern über 60 mit auf den Weg geben, die manchmal das Gefühl haben, dass ihre Erfahrung und ihr Wissen nicht mehr genügend geschätzt werden?
Viele ältere Arbeitnehmende erleben leider, dass ihre berufliche Kompetenz und ihr Beitrag weniger zählen als ihr Alter. Das ist besonders bitter nach einem langen Berufsleben.
Meine Botschaft lautet: Lassen Sie sich Ihren Wert nicht absprechen. Wissen, Können, Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit, Erfahrungen weiterzugeben, sind unverzichtbare Ressourcen.
Gleichzeitig darf die Verantwortung nicht allein bei den Betroffenen liegen. Politik und Sozialpartner müssen die Rahmenbedingungen so gestalten, dass Menschen aufgrund ihrer Fähigkeiten beurteilt werden und faire Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhalten..
Wenn Sie in der Schweiz eine einzige Veränderung bewirken könnten, um Altersdiskriminierung wirksamer zu bekämpfen – welche wäre das?
Ich würde einen umfassenden gesetzlichen Schutz vor Altersdiskriminierung schaffen.
Heute können sich Betroffene in der Schweiz oft nur ungenügend gegen Benachteiligungen aufgrund ihres Alters wehren. Ein wirksamer Schutz würde junge und ältere Arbeitnehmende in ihrer Position stärken und Menschen im Pensionsalter vor Diskriminierung schützen, etwa wenn ihre Autonomie und Selbstbestimmung nicht respektiert, ihre Gesundheitsversorgung zu wenig ernst genommen oder ihre Rechte infrage gestellt werden.
Ein gesetzlicher Schutz würde Betroffenen ermöglichen, sich gegen Diskriminierung zu wehren. Es wäre ein klares Signal: In der Schweiz sollen Menschen jeden Alters gleiche Rechte und gleiche Chancen haben.
