Es ist Zeit für mehr Familienzeit!
112 517 gesammelte und beglaubigte Unterschriften: Damit ist die erste Hürde geschafft. Vor allem aber ist der Grundstein für eine Debatte gelegt, die die Schweiz längst führen muss: Wie können Familie und Beruf endlich besser vereinbart werden?
Strahlendes Wetter, strahlende Gesichter und Aufbruchsstimmung auf dem Bundesplatz in Bern: Gemeinsam mit einem breiten Bündnis haben wir am 30. einen wichtigen Meilenstein erreicht. Die Familienzeit- Initiative wurde mit 112 517 Unterschriften offiziell eingereicht. Die Forderung ist klar: Beide Elternteile sollen nach der Geburt eines Kindes je 18 Wochen Familienzeit erhalten. Damit soll die Schweiz einen wichtigen Schritt hin zu einer modernen Familienpolitik machen.
Die Schweiz hinkt hinterher
Dass die Initiative auf breite Unterstützung stösst, überrascht kaum. Denn bei der Familienzeit hat die Schweiz einiges aufzuholen. Heute haben Mütter Anspruch auf 14 Wochen Mutterschaftsurlaub, während Vätern beziehungsweise dem zweiten Elternteil gerade einmal zwei Wochen zustehen. Und selbst diese zwei Wochen gibt es noch nicht lange. Erst 2021 wurde der Vaterschaftsurlaub eingeführt. Vorausgegangen war jahrelanger politischer Druck, unter anderem durch die von Travail.Suisse lancierte Vaterschaftsurlaubs- Initiative. Ein wichtiger Erfolg, keine Frage. Doch im europäischen Vergleich gehört die Schweiz bei der Elternzeit weiterhin zu den Schlusslichtern.
Familienleben hat sich verändert
Mit der Geburt eines Kindes steht das Leben erst einmal Kopf. Neue Aufgaben, kurze Nächte und ein Alltag, der sich erst einspielen muss. Gerade die ersten Wochen und Monate sind eine besondere Zeit, in der Eltern und Kinder als Familie zusammenwachsen. Umso wichtiger ist es, dass Eltern genügend Zeit haben, sich gemeinsam auf diese neue Lebensphase einzulassen. Gleichzeitig haben sich die Vorstellungen davon verändert, wie Familie und Beruf zusammenpassen sollen. Viele Väter möchten von Anfang an mehr Verantwortung übernehmen und Zeit mit ihren Kindern verbringen. Und viele Mütter wollen beruflich aktiv bleiben, ohne deshalb auf Familienzeit verzichten zu müssen. Doch zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegt oft eine grosse Lücke. Die heutigen Rahmenbedingungen lassen vielen Familien kaum die Wahl, wie sie Beruf und Betreuung aufteilen möchten. Genau hier setzt die Familienzeit-Initiative an. Sie will die Voraussetzungen schaffen, damit Eltern von Anfang an gemeinsam Verantwortung übernehmen können. Es geht um echte Wahlfreiheit: Jede Familie soll selbst entscheiden können, wie sie ihren Alltag gestaltet und welcher Weg am besten zu ihr passt.
Gleichstellung beginnt zu Hause
Noch immer sieht die Realität in vielen Familien ziemlich klassisch aus: Die Mutter übernimmt den grössten Teil der Kinderbetreuung, der Vater geht arbeiten. Nicht unbedingt, weil sich die Eltern das so wünschen, sondern weil die bestehenden Rahmenbedingungen diese Aufteilung begünstigen. Die Folgen zeigen sich besonders im Berufsleben der Frauen. Viele Mütter reduzieren nach der Geburt ihr Arbeitspensum oder unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit. Väter hingegen können ihre berufliche Laufbahn meist ohne grössere Veränderungen fortsetzen. Das wirkt sich langfristig auch auf Löhne, Karrierechancen und Altersvorsorge aus.
Auch die Wirtschaft profitiert
Mehr Familienzeit ist nicht nur eine gute Nachricht für Eltern und Kinder. Auch die Wirtschaft hat ein Interesse daran, dass sich Familie und Beruf besser vereinbaren lassen. In vielen Branchen fehlen Fachkräfte. Gleichzeitig würden zahlreiche gut ausgebildete Mütter gerne mehr arbeiten, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Eine partnerschaftlichere Aufteilung der Familienarbeit kann dazu beitragen, dass Frauen ihre Erwerbstätigkeit weniger stark reduzieren müssen und dem Arbeitsmarkt erhalten bleiben.
Familien brauchen Zeit
Natürlich löst eine längere Familienzeit nicht alle Herausforderungen. Es braucht auch genügend bezahlbare Betreuungsplätze, gute Arbeitsbedingungen, faire Löhne und familienfreundliche Arbeitszeiten. Doch eine gerechter aufgeteilte Familienzeit wäre ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Mit der Einreichung der Initiative ist die erste grosse Hürde geschafft. Die 112 517 Unterschriften zeigen, wie viele Menschen sich bessere Rahmenbedingungen für Familien wünschen. Die strahlenden Gesichter auf dem Bundesplatz waren deshalb nicht nur Ausdruck der Freude über die erfolgreiche Unterschriftensammlung, sondern auch der Zuversicht, dass sich in der Schweizer Familienpolitik endlich etwas bewegen kann.
«Die eigentliche politische Arbeit beginnt jetzt erst.»
112 517 Unterschriften, strahlender Sonnenschein und viele zufriedene Gesichter auf dem Bundesplatz. Was ging dir gerade durch den Kopf?
Yvonne Feri: Vor allem Freude und Dankbarkeit. Hinter diesen 112 517 Unterschriften steckt unglaublich viel Engagement. Zahlreiche Mitarbeitende, Mitglieder und Freiwillige haben in den vergangenen Monaten Unterschriften gesammelt und Menschen von unserem Anliegen überzeugt. Dass wir nun gemeinsam auf dem Bundesplatz stehen konnten, war ein schöner Moment.
Die Unterschriften sind eingereicht. Ist der grösste Schritt damit getan?
Feri: Nein, die eigentliche politische Arbeit beginnt jetzt erst. Unterschriften zu sammeln ist das eine, politische Mehrheiten zu gewinnen das andere. Wir müssen nun dafür sorgen, dass das Anliegen nicht auf die lange Bank geschoben wird. Die breite Allianz, die hinter der Initiative steht, ist dafür eine wichtige Grundlage.
Was wünschst du dir für die kommende politische Debatte?
Feri: Dass wir nicht nur darüber diskutieren, was mehr Familienzeit kostet, sondern auch darüber, was sie unserer Gesellschaft bringt. Und dass wir die Lebensrealität der Familien ernst nehmen. Es braucht Lösungen, die tatsächlich etwas verbessern. Dafür werden wir uns weiterhin einsetzen.
