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«Es ist Zeit, von Absichten zu Ergebnissen zu kommen.»

Zum 30-jährigen Bestehen des Gleichstellungsgesetzes haben wir Mathilde Crevoisier Crelier zum Gespräch getroffen – über politische Hürden und die nächsten Schritte für mehr Gleichstellung in der Schweiz. 

Das Gleichstellungsgesetz wird im Juli 2026 30 Jahre alt. Wie fällt deine Bilanz aus?

Mathilde Crevoisier Crelier: Das Gleichstellungsgesetz war ohne Zweifel ein wichtiger Meilenstein. Es hat den Grundsatz der Gleichstellung von Frauen und Männern im Recht verankert, insbesondere in der Arbeitswelt. Damit wurde eine zentrale Forderung auch juristisch abgesichert. Doch drei Jahrzehnte später zeigt sich klar: Die tatsächliche Gleichstellung ist der rechtlichen nicht gefolgt. Es besteht weiterhin ein erheblicher Handlungsbedarf.

Die Zahlen sprechen für sich: Frauen verdienen im Durchschnitt deutlich weniger als Männer. Zwar ist die Gesamtlohndifferenz in den letzten Jahren leicht zurückgegangen, doch der unerklärte Teil hat eher zugenommen. Das bedeutet, dass strukturelle Diskriminierung nach wie vor eine wichtige Rolle spielt. Vor diesem Hintergrund genügt ein rechtlicher Rahmen allein nicht – entscheidend ist, dass er auch konsequent umgesetzt wird. 

2024 wurde dein Postulat für eine umfassende Bilanz zur Gleichstellung im Ständerat abgelehnt. Wie hast du diesen Entscheid aufgenommen?

Crevoisier Crelier: Ich war enttäuscht. Nach 30 Jahren ist es nur sinnvoll, eine umfassende Standortbestimmung vorzunehmen und zu prüfen, wie wirksam die bisherigen Massnahmen tatsächlich sind. Eine erfolgreiche Gleichstellungspolitik braucht eine klare Gesamtübersicht sowie einen kohärenten und koordinierten Aktionsplan. Ohne fundierte Analyse bleibt unklar, wo genau angesetzt werden muss. Die Verschiebung einer solchen Bilanz auf das Jahr 2030, wie sie vom Bundesrat vorgeschlagen wurde, halte ich angesichts der bestehenden Probleme für zu spät. Zudem hat bereits der letzte Zwischenbericht zum Gleichstellungsgesetz deutliche Schwächen in der Umsetzung aufgezeigt. Gerade deshalb wäre es wichtig gewesen, rasch zu handeln und gezielt nachzubessern.

Was funktioniert heute im Kampf gegen Lohndiskriminierung nicht wie gewünscht?

Crevoisier Crelier: Das grösste Problem liegt aus meiner Sicht im mangelnden Verbindlichkeitsgrad der bestehenden Instrumente. Noch immer wird stark auf freiwillige Massnahmen oder nur schwach verpflichtende Regelungen gesetzt. Hinzu kommt, dass die Pflicht zur Durchführung von Lohnanalysen nur für grössere Unternehmen gilt – kleinere und mittlere Betriebe sind ausgenommen, obwohl dort ebenfalls Ungleichheiten bestehen können. Auch bei den Kontrollen zeigt sich ein Defizit: Sie finden selten statt, und es fehlen wirksame Sanktionen bei Verstössen. Ohne klare Konsequenzen bleibt der Anreiz gering, bestehende Ungleichheiten tatsächlich zu beseitigen.

Internationale Gremien wie der CEDAW-Ausschuss kritisieren diese Situation ebenfalls. Liegt die Schweiz im Rückstand?

Crevoisier Crelier: Die Schweiz hat sich international klar zur Gleichstellung verpflichtet, unter anderem im Rahmen der Pekinger Erklärung. Diese Verpflichtungen sind wichtig und setzen klare Ziele. In der Umsetzung zeigt sich jedoch eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität. Die Empfehlungen des CEDAW-Ausschusses sind eindeutig: Es braucht stärkere Kontrollmechanismen, klar definierte und messbare Ziele sowie die Ausweitung der Regelungen auf alle Unternehmen. Diese Punkte sind zentral, wenn man die Gleichstellung tatsächlich voranbringen will. Derzeit besteht hier noch deutlicher Nachholbedarf. 

Welche konkreten Massnahmen wären aus deiner Sicht notwendig?

Crevoisier Crelier: Es braucht einen grundlegenden Perspektivenwechsel hin zu einem systematischeren und verbindlicheren Ansatz. Dazu gehört insbesondere, die Lohnanalysen auf alle Unternehmen auszuweiten, unabhängig von ihrer Grösse. Ebenso wichtig sind regelmässige und unabhängige Kontrollen, um die Einhaltung der Vorgaben zu überprüfen. Schliesslich müssen auch wirksame Sanktionen vorgesehen werden, wenn Unternehmen ihren Verpflichtungen nicht nachkommen. Nur so entsteht ein echter Anreiz, bestehende Ungleichheiten zu korrigieren. Ohne solche verbindlichen Instrumente bleibt die Gleichstellung letztlich ein Ziel ohne ausreichende Durchsetzungskraft. 

Was wünschst du dir mit Blick auf die kommenden Jahre?

Crevoisier Crelier: Ich hoffe, dass das 30-jährige Bestehen des Gleichstellungsgesetzes einen echten politischen Impuls auslöst. Es sollte Anlass sein, die bisherigen Ansätze kritisch zu hinterfragen und den Fokus stärker auf konkrete Ergebnisse zu legen. Es ist an der Zeit, von Absichtserklärungen zu wirksamen Massnahmen überzugehen. Gleichstellung ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch von grosser wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung. Eine Gesellschaft, die anhaltende Diskriminierung toleriert, verzichtet auf wertvolle Kompetenzen und Potenziale. Nach drei Jahrzehnten dürfen wir uns nicht mit dem Erreichten zufriedengeben. Entscheidend ist jetzt, entschlossen zu handeln und Fortschritte messbar zu machen. 

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