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«KI und Automatisierung als Chance für fairere Arbeitsbedingungen nutzen.»

Wie lässt sich technischer Wandel so gestalten, dass er Arbeitnehmenden nützt statt ihnen zu schaden? Ökonom Tom Bauer erklärt, warum Künstliche Intelligenz (KI) nicht automatisch Jobs bedroht – und welche Rahmenbedingungen nötig sind, damit sie Menschen stärkt.

Elon Musk sagt, dank KI wird es bald keine Jobs mehr geben. Bleibt uns dann nur noch Freizeit?

Tom Bauer: Solche Aussagen klingen dramatisch – und das ist wohl auch der Zweck. Sie erzeugen Aufmerksamkeit und ziehen Investoren an. Die Realität ist jedoch komplexer. KI wird unsere Arbeit verändern, ja. Aber sie wird Menschen nie vollständig ersetzen können. Es geht also nicht darum, ob wir zukünftig noch Arbeit haben, sondern darum, wie sich Arbeit verändert – und ob die Veränderungen sozial verträglich gestaltet werden.

Also ist die Angst vor einer arbeitslosen Zukunft übertrieben?

Bauer: Die Angst ist verständlich, aber die Arbeit wird uns nicht ausgehen. KI kann zwar bestimmte Berufe ersetzen. Sie wird bei vielen Berufen jedoch vor allem Teilaufgaben übernehmen. Betroffen sind dabei allerdings zunehmend auch komplexe Aufgaben. Aber menschliche Arbeit umfasst immer noch viele Tätigkeiten, welche auch mit KI nicht standardisiert werden können. Für viele Problemlösungen ist der Mensch mit seiner Erfahrung, seiner Urteilskraft, seinen Kommunikationsmöglichkeiten, seinen emotionalen Fähigkeiten und Handgriffen weiterhin zentral.

Welche Berufsgruppen sind denn stärker betroffen als andere?

Bauer: Besonders betroffen sind im Moment beispielsweise Übersetzungen oder grafische Arbeiten. Zudem sind es zunehmend Tätigkeiten im kaufmännischen Bereich, etwa bei der Sachbearbeitung, der Buchhaltung oder auch im Kundendienst. Wir sehen zudem, dass etwa die Einsatzplanung im Verkauf, die Routenplanung in der Logistik oder auch Kontrollaufgaben vermehrt automatisiert werden. Ein grosses Automatisierungspotenzial besteht aber auch in der Informatik oder bei ärztlichen Diagnosen. Das Potenzial ist also tatsächlich sehr gross und weitgehend. Gleichzeitig sind KI-Systeme teuer.

Bedeutet das, dass sie vor allem von grossen Unternehmen genutzt werden können?

Bauer: Absolut. Professionelle KI-Systeme sind aufwendig zu entwickeln, benötigen spezialisierte Fachkräfte und riesige Datenmengen. Das können sich vor allem grosse Unternehmen leisten – internationale Konzerne, grosse Finanzdienstleister oder Versicherungen. Kleine und mittlere Betriebe haben oft weder die Daten noch die finanziellen Mittel.

Dennoch setzen grosse Akteure wie beispielsweise die SUVA bereits KI-Systeme ein, etwa bei der Prüfung von Anträgen oder der Kontrolle von Rechnungen. Die finale Entscheidung trifft jedoch bei ablehnenden Entscheidungen weiterhin ein Mensch. Das ist wichtig.

Heisst das, dass Menschen gerade deshalb wichtig bleiben, weil sie flexibel reagieren können?

Bauer: Die Arbeitswelt ist komplex. Sie erfordert häufig den Einsatz von Kopf, Hand und Herz. Das gilt nicht nur im Umgang mit KI, sondern insbesondere auch im Kontext von Automatisierung. Ein Schreiner, der vor Ort eine Küche montiert und feststellt, dass die Wand schief ist, findet mit Erfahrung, handwerklichem Geschick und vielleicht auch im Austausch mit dem Kunden eine Lösung. Diese Vielseitigkeit überfordert Maschinen. Sie hat in diesem Sinne heute in der Regel höchstens einen Kopf. Ähnlich im Coiffeurhandwerk: Das Schneiden von Haaren erfordert ein hohes Mass an Feinmotorik, Wahrnehmung und ästhetischem Urteilsvermögen – Aufgaben, die sich zumindest noch nicht vollständig maschinell abbilden lassen. Und wer möchte während dem Haarschnitt schon mit einem Computer sprechen? Sogar wenn ein Haarschnitt maschinell möglich wäre, glaube ich nicht, dass er sich allgemein durchsetzt.

Wenn Maschinen diese Vielseitigkeit nicht erreichen – bleibt der menschliche Zugang damit unverzichtbar?

Bauer: Das zeigt den wahrscheinlich wichtigsten Faktor, welcher den Menschen von der Maschine unterscheidet, die Menschlichkeit selbst. Eine Pflegekraft spürt, wann jemand nicht nur praktische Unterstützung, sondern auch Zuspruch, emotionale Nähe und Vertrauen braucht. Dieser zwischenmenschliche Kontakt hat einen eigenen Wert – emotional, sozial und oft auch gesundheitlich. Es ist gerade in der Pflege oder in einer Kita nicht möglich mit Maschinen Prozesse zu optimieren, ohne dass ein wichtiger Teil der Arbeit verloren geht. Das zeigt sich auch in anderen Berufen. Gleichzeitig wird KI zunehmend unterstützend eingesetzt – vermutlich langfristig in fast allen Tätigkeitsfeldern. Das kann hilfreich sein, wenn es sinnvoll und fair geschieht. Doch es birgt auch Risiken.

Welche Risiken haben Sie im Blick

Bauer: Zum Beispiel die Überwachung. Ein drastisches Beispiel ist Amazon in den USA: Dort werden Lagerarbeiter/-innen permanent gefilmt, ihre Bewegungen werden von KI-Systemen analysiert. Wer zu oft stoppt oder länger auf der Toilette ist, wird verwarnt. Die Produktivität von Arbeitnehmenden wird maschinell gemessen. Ein Albtraum für Arbeitnehmende!

Solche Systeme können auch in subtilerer Form eingeführt werden – etwa durch digitale Zeiterfassung mit Leistungsbewertung. Hier braucht es klare Regeln: Die Arbeitswelt darf nicht in eine digitale Dauerkontrolle abgleiten. Technologie soll Arbeitnehmende entlasten und stärker machen und nicht kontrollieren und entmündigen.
Auch in der Personalrekrutierung werden Algorithmen eingesetzt. Was bedeutet das für Arbeitnehmende?

Bauer: Automatisierte Systeme filtern Bewerbungen teilweise anhand vordefinierter Kriterien. Wer nicht ins Raster passt – etwa ältere Menschen oder Quereinsteigerinnen –, fliegt schnell raus. Das führt zu versteckter Diskriminierung. Gleichzeitig bleibt Menschen verborgen, warum sie aussortiert wurden.

Deshalb braucht es Transparenz: Bewerbende müssen wissen, wann KI verwendet wird. Und jede Entscheidung muss menschlich überprüfbar sein. Algorithmen dürfen nicht endgültig über Chancen im Leben bestimmen. Zudem besteht in der Schweiz ein schwacher Schutz vor Diskriminierung, etwa aufgrund des Alters. Mit dem vermehrten Einsatz von KI in Bewerbungsverfahren wird dieser Schutz umso wichtiger. 

Was sollte in Betrieben gelten, wenn KI eingeführt wird?
Bauer: Wir sehen vier zentrale Prinzipien:
  1. Information und Transparenz – Mitarbeitende müssen wissen, wann, wo und wie KI eingesetzt wird.
  2. Mitbestimmung - Veränderungen dürfen nicht über Köpfe hinweg beschlossen werden. Arbeitnehmende wissen häufig sehr genau, wie Prozesse im Betrieb verbessert werden können. Sie sollen deshalb beim Einsatz neuer Technologien möglichst früh einbezogen werden. Das ist auch zum Vorteil des Betriebs.
  3. Berufliche Perspektive und Sicherheit – Beschäftigte müssen befähigt werden, neue Systeme sinnvoll zu nutzen. Arbeitgebende sollen verpflichtet sein, Arbeitnehmende auf neuen Technologien zu schulen und Entlassungen zu vermeiden.
  4. Schutz vor Überwachung – KI darf kein Druckmittel oder Kontrollinstrument werden. Arbeitgebende dürfen nicht einfach Daten erheben und Kontrollinstrumente einführen. Diesem Vorgehen sind bereits heute klare gesetzliche Grenzen gesetzt. Ein System wie bei Amazon wäre in der Schweiz illegal.
Welche Rolle haben hier Gewerkschaften?

Bauer: Gewerkschaften setzen sich im Betrieb konkret dafür ein, dass diese Prinzipien umgesetzt werden – etwa indem sie Transparenz und Mitbestimmung einfordern, Beschäftigte über ihre Rechte aufklären und sicherstellen, dass Weiterbildung ermöglicht und Kündigungen vermieden werden. Sie unterstützen Belegschaften dabei, bei technologischen Veränderungen frühzeitig eingebunden zu werden und nicht an Einfluss zu verlieren. Zudem achten sie darauf, dass KI nicht als Überwachungsinstrument eingesetzt wird. Darüber hinaus bringen sie auf politischer Ebene die Perspektive der Arbeitnehmenden ein, damit bei neuen Regeln nicht nur die Sicht der Arbeitgebenden zählt. Und am Ende geht es auch um die grosse Frage: Wenn durch KI und Automatisierung Effizienzgewinne entstehen – wie werden sie verteilt? 

Wo gehen diese Gewinne denn aktuell hin?

Bauer: Das ist tatsächlich eine der grossen Fragen. Technischer Fortschritt ermöglicht es, mit weniger Arbeit gleich viel zu produzieren. Wenn KI und Automatisierung dafür sorgen, dass Aufgaben schneller erledigt werden, stellt sich die Frage: Was machen wir mit dieser Zeit und diesem Mehrwert? Sollen die Löhne erhöht werden? Verkürzen wir die Arbeitszeit? Führen wir eine Vier-Tage-Woche bei gleichem Lohn ein oder verlängern wir die Ferien? Investieren wir in Weiterbildung? Oder landen die Gewinne einfach bei den Unternehmen, den Aktionären oder im Silicon Valley? Die Frage der Verteilung von Produktivitätsgewinnen ist immer zentral. Es geht nicht nur um die Löhne, mehr Freizeit und mehr Gesundheit. Extreme Ungleichheit ist auch eine Gefahr für die Gesellschaft und die Demokratie. Das sehen wir in den USA mehr als deutlich.

Was ist Ihr persönliches Fazit?

Bauer: Es ist wie bei allen technologischen Entwicklungen in der Vergangenheit auch. KI kann ein Werkzeug sein, das uns unterstützt – oder ein Instrument, das Druck aufbaut. Sie kann Freiheit ermöglichen – oder Kontrolle verschärfen. Entscheidend ist, wie wir sie einsetzen. Für mich gilt: Technologie ist nur dann ein Fortschritt, wenn sie den Menschen stärkt und auch mit der neuen Technologie alle einen anständigen Platz in der Arbeitswelt und der Gesellschaft haben. Dafür setzen wir uns als Gewerkschaften und Vertretung der Arbeitnehmenden ein.

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