«Ich bin stolz darauf, was ich mir erarbeitet habe.»
Raona Biagio arbeitete über 40 Jahre auf dem Bau.
Meine Arbeit
Aufgewachsen bin ich in Corsano in Apulien. Die wirtschaftliche Situation dort war schwierig, und so kam ich mit 17 Jahren über einen Bekannten in die Schweiz. Weil ich noch zu jung war, um offiziell zu arbeiten, lebte und arbeitete ich zuerst während fünf Monaten auf einem Bauernhof. Mit meinem 18. Geburtstag begann ich dann meine erste Stelle bei einem Bauunternehmen. In den ersten Jahren arbeitete ich bei verschiedenen Unternehmen als Maurer. Danach kehrte ich für den Militärdienst für ein Jahr nach Italien zurück. Nach dem Militär kam ich wieder in die Schweiz. Hier begann ich zuerst als Handlanger, machte später die Maurerlehre und arbeitete mich Schritt für Schritt zum Polier hoch. Insgesamt war ich 33 Jahre als Polier tätig. Die Arbeit auf dem Bau war streng, aber ich habe sie immer gerne gemacht.
Meine neue Heimat
Eigentlich war nach dem Militär gar nicht geplant, wieder in die Schweiz zurückzukehren. Doch mein früherer Chef kontaktierte mich, und ich dachte mir: Warum nicht noch einmal eine Saison arbeiten und etwas Geld verdienen? Später lernte ich meine Frau kennen. Sie wollte sehen, wie ich in der Schweiz lebte und arbeitete, und so blieben wir noch ein weiteres Jahr. Aus diesem einen Jahr wurden immer mehr – und mit der Zeit entstand hier unsere Familie mit drei Töchtern. Heute fühle ich mich hier am Vierwaldstättersee zuhause. Das Wasser erinnert mich an das Meer in Apulien.
Meine Gewerkschaft
Seit 1979 bin ich Gewerkschaftsmitglied. Auf dem Bau war das damals selbstverständlich. Grosse Probleme mit meinen Arbeitgebern hatte ich persönlich nie. Trotzdem waren die Bedingungen auf dem Bau oft hart: lange Arbeitstage, weite Fahrten zu den Baustellen und körperlich anstrengende Arbeit bei jedem Wetter. Dazu kamen die schwierigen Lebensumstände vieler Saisonniers. Viele lebten getrennt von ihren Familien und hatten Mühe, überhaupt eine gute Unterkunft zu finden. Ich erinnere mich noch gut an eine Unterkunft in Stansstad. Dort lebten 20 Personen in einem einzigen Zimmer im Untergeschoss. Die Betten standen so eng nebeneinander, dass man fast übereinander steigen musste, um überhaupt hinauszukommen.
Heute hat sich vieles verbessert – auch dank der Gewerkschaften. Deshalb finde ich es wichtig, weiterhin für gute Arbeitsbedingungen zu kämpfen und das zu verteidigen, was über viele Jahre erkämpft wurde.
