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Flyern für den freien Sonntag

Zwölf statt vier Sonntagsverkäufe? Nicht mit uns. Am letzten Tag der Herbstsession verteilen wir vor dem Bundeshaus Flyer, um die Ratsmitglieder kurz vor der entscheidenden Abstimmung an die Folgen für das Verkaufspersonal zu erinnern.

Freitag, 2. Oktober, kurz nach sieben Uhr morgens. Auf dem Bundesplatz in Bern ist es noch ruhig. Von den Nationalrätinnen und Nationalräten fehlt jede Spur. Nur vereinzelt überqueren Passantinnen und Passanten den Platz. Doch bald werden die ersten Politikerinnen und Politiker auf dem Weg ins Bundeshaus hier vorbeikommen. Es ist der letzte Tag der Herbstsession, und auf der Tagesordnung steht ein Geschäft, das für die Angestellten im Detailhandel weitreichende Folgen haben könnte.

Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen von Syna und der Sonntagsallianz stehe ich auf dem Bundesplatz. Ausgerüstet mit Flyern wollen wir die Ratsmitglieder nochmals auf die Folgen zusätzlicher Sonntagsverkäufe aufmerksam machen.

Vier oder zwölf Sonntage?

Konkret geht es um die Zürcher Standesinitiative 23.325, die fordert, dass künftig an bis zu zwölf statt wie bisher vier Sonntagen pro Jahr Personal ohne besondere Bewilligung beschäftigen werden darf – eine Verdreifachung.

Im Sommer hat sich bereits der Ständerat mit dem Geschäft befasst. Die Wirtschaftskommission des Ständerats hatte dazu einen Entwurf ausgearbeitet. Der Ständerat trat jedoch äusserst knapp nicht auf die Vorlage ein und sprach sich damit gegen zusätzliche Sonntagsverkäufe aus. Ein Erfolg, vielleicht auch dank des Engagements von Syna, denn im Vorfeld hatten wir mit einer Postkartenaktion auf die Folgen aufmerksam gemacht. Detailhandelsangestellte schrieben ihren Ständerätinnen und Ständeräten, was ihnen durch zusätzliche Sonntagsverkäufe verloren ginge: Zeit mit der Familie, mit Freundinnen und Freunden oder schlicht ein Tag zur Erholung.

Nun ist der Nationalrat am Zug. Lehnt auch er die Vorlage ab, ist das Geschäft abgeschrieben. Andernfalls muss der Ständerat erneut darüber befinden. «Es wäre eine super Sache, wenn wir das Geschäft heute beenden könnten», sagt Cornelia Bickert, Branchenleiterin Detailhandel bei Syna.

Die Betroffenen sitzen nicht im Parlament

«Ich weiss nicht, ob den Parlamentarierinnen und Parlamentariern wirklich bewusst ist, was das für die Betroffenen bedeutet», sagt Bickert. Tatsächlich sitzt im Parlament niemand, der selbst als Verkäuferin oder Verkäufer im Detailhandel arbeitet. Die Realität an der Ladenkasse, die langen Samstage und die Schwierigkeiten, Beruf und Familienleben unter einen Hut zu bringen, sind vom politischen Alltag im Bundeshaus weit entfernt. Genau hier wollen wir mit unseren Flyern ansetzen. Hinter der Forderung nach mehr Sonntagsverkäufen stehen Menschen, die dafür auf einen Teil ihrer gemeinsamen Freizeit verzichten müssten.

Inzwischen ist auf dem Bundesplatz mehr los. Die ersten Ratsmitglieder treffen ein. Viele sind an ihren Anzügen, Aktentaschen und Rollkoffern zu erkennen. Wir haben uns über den Platz verteilt, um sie möglichst aus allen Richtungen zu erreichen. Einige nehmen den Flyer entgegen, ohne ihren Schritt zu verlangsamen. Andere gehen wortlos vorbei, kaum eine Regung im Gesicht. Wieder andere bleiben kurz stehen, wechseln ein paar Worte mit uns oder bedanken sich für unser Engagement.

Ob jemand seine Meinung wegen eines Flyers noch ändert, lässt sich kaum sagen. «Es ist wichtig, nochmals vor Augen zu führen, welche Folgen die Vorlage hätte», sagt Bickert. Wir rechnen mit einem knappen Ergebnis. Umso wichtiger ist es, bis zuletzt auf die Anliegen der Angestellten aufmerksam zu machen.

Zwei Stimmen Unterschied

Nach und nach verschwinden die letzten Ratsmitglieder im Bundeshaus. Draussen bleibt uns nur noch das Warten. Auf unseren Handys verfolgen wir die Abstimmungen im Livestream. Dann ist es so weit: Die Standesinitiative 23.325 steht auf dem Programm.

Gespannt schauen wir auf den Bildschirm. Die Sitze im Nationalrat färben sich nach und nach rot, grün und gelb. Schon auf den ersten Blick ist klar: Das Resultat wird äusserst knapp. Doch wer die Mehrheit hat, lässt sich kaum erkennen. Dann das Ergebnis: 97 Stimmen dafür, 95 dagegen, vier Enthaltungen. Nur zwei Stimmen Unterschied. Der Nationalrat hat die Initiative angenommen. Damit ist die Ausweitung der Sonntagsverkäufe noch nicht vom Tisch. Die Enttäuschung ist spürbar. Wir hatten gehofft, dass die Vorlage heute endgültig scheitern würde. Gleichzeitig zeigt das knappe Ergebnis, wie umstritten das Geschäft ist.

In einer Sitzungspause kommt Giorgio Fonio, Tessiner Nationalrat und Regionalsekretär unserer Partnergewerkschaft OCST, aus dem Bundeshaus. Spontan lädt er uns auf einen Kaffee in die Wandelhalle ein. Auch Fonio blickt bereits auf den nächsten Schritt. «Jetzt liegt es am Ständerat, seine Ablehnung der Initiative in der kommenden Wintersession zu bestätigen. Macht er das, ist das Geschäft vom Tisch.» Er zeigt sich zuversichtlich, dass die zusätzlichen Sonntagsverkäufe letztlich nicht kommen werden.

Der Einsatz geht weiter

Als wir das Bundeshaus wieder verlassen, ist klar: Unser Einsatz für den freien Sonntag ist mit diesem Morgen nicht abgeschlossen. In der Wintersession wird der Ständerat erneut entscheiden müssen.

Ob mit Flyern vor dem Bundeshaus, Postkarten von Betroffenen oder persönlichen Gesprächen mit Parlamentarierinnen und Parlamentariern: Wir werden uns erneut dafür einsetzen, dass ihre Stimmen gehört werden. Denn bei der Debatte geht es nicht nur um längere Ladenöffnungszeiten oder zusätzliche Einkaufsmöglichkeiten. Es geht um gemeinsame freie Zeit, um Familienleben und um die Gesundheit.

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