Gestresst und erschöpft – bereits in jungen Jahren
Engagiert und ambitioniert starten viele junge Menschen ins Berufsleben – und fühlen sich dennoch zunehmend gestresst oder emotional erschöpft. Der von Travail.Suisse veröffentlichte «Barometer gute Arbeit 2025» zeigt: Die psychische Gesundheit wird bereits beim Berufseinstieg zu einem zentralen Thema.
Seit 2015 misst der «Barometer Gute Arbeit» die Qualität der Arbeitsbedingungen in der Schweiz aus Sicht der Arbeitnehmenden. Die repräsentative Studie wird gemeinsam von Travail.Suisse und der Berner Fachhochschule (BFH) durchgeführt und basiert auf 20 Kriterien in drei Bereichen: Motivation, Sicherheit und Gesundheit. Für die Ausgabe 2025 wurden 1'422 erwerbstätige Personen zwischen 16 und 64 Jahren befragt. Der Gesamtindex liegt bei 67,0 Punkten – leicht unter dem Vorjahreswert von 67,7 Punkten. Grundsätzlich gilt: Je näher der Wert bei 100 liegt, desto positiver werden die Arbeitsbedingungen eingeschätzt.
Auf den ersten Blick wirkt dieses Resultat stabil und durchaus solide. Doch hinter der scheinbaren Ruhe verbirgt sich eine Entwicklung, die Sorgen macht: Die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz verschlechtert sich seit Jahren kontinuierlich – besonders ausgeprägt bei jungen Erwerbstätigen, also bei der Generation Z (geboren zwischen 1997 und 2010). Für viele fühlt sich die heutige Arbeitswelt wie ein «ultra-transformiertes» System an: Jobtitel sind abstrakt (Business Developer, Key Account Manager), Karrierewege selten geradlinig, Erwartungen diffus und gleichzeitig hoch. Junge Menschen müssen früh lernen, komplexe Berufsbiografien zu verstehen, Entscheidungen zu treffen und sich immer wieder neu zu positionieren – oft ohne klare Orientierung.
Motivation im Wandel?
Mit 71,7 Punkten bleibt die Motivation auch 2025 die am besten bewertete Dimension. Die grosse Mehrheit der Arbeitnehmenden sagt, dass sie ihre Arbeit als sinnvoll erlebt und sich gesellschaftlich nützlich fühlt. Über 80 Prozent sind insgesamt zufrieden mit ihrem Job. Besonders auffällig sind jedoch die Unterschiede nach Altersgruppen: Während 78,7 Prozent der 30- bis 45-Jährigen mit ihrer Arbeit zufrieden sind, liegt der Wert bei den 16- bis 29-Jährigen sogar bei 85,6 Prozent. Dieses Ergebnis widerspricht dem verbreiteten Bild von «arbeitsunwilligen» oder wenig belastbaren jungen Menschen. Zwar wird der Generation Z gerne ein Mangel an Durchhaltevermögen oder Begeisterungsfähigkeit nachgesagt – Stichwort «fehlender Grit». Doch Studien zeigen ein anderes Bild: Junge Menschen legen grossen Wert auf Engagement, Leistung und die Qualität ihrer Arbeit. Sie identifizieren sich mit dem, was sie tun, und wollen einen Beitrag leisten. Sie lehnen Arbeit nicht ab – sie stellen höhere Ansprüche. Sinn, Anerkennung, Entwicklungsmöglichkeiten und ein respektvoller Umgang sind für sie keine Extras, sondern zentrale Voraussetzungen.
Junge profitieren von der grossen Arbeitsmarktmobilität
Dank eines gut funktionierenden Arbeitsmarkts und insgesamt tiefer Arbeitslosigkeit in der Schweiz (2,8 %) ist die Angst, den Job zu verlieren, nach wie vor gering. Entsprechend bleibt auch die Dimension «Sicherheit» mit 69,4 Punkten stabil.
Die Zahlen aus dem Barometer zeigen zudem klar: Junge Menschen fühlen sich auf dem Arbeitsmarkt deutlich mobiler als ältere. Über 70 Prozent der 16- bis 29-Jährigen gehen davon aus, dass sie im Fall einer Kündigung problemlos wieder eine vergleichbare Stelle finden würden. Mit zunehmendem Alter ändert sich dieses Bild deutlich: Bei den 46- bis 64-Jährigen teilt weniger als ein Drittel diese Einschätzung. Jobsicherheit ist also stark abhängig von der jeweiligen Phase im Berufsleben – und hier haben junge Erwerbstätige aktuell einen klaren Vorteil. Angesichts der alternden Bevölkerung und der vielen Babyboomer, die in den kommenden Jahren in Pension gehen, wird der Beitrag der jungen Generation für die Schweizer Wirtschaft besonders wichtig. Die vielen offenen Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt machen gleichzeitig deutlich, wie wichtig für junge Menschen eine gute Ausbildung, eine klare Berufsorientierung und solide Kompetenzen im Umgang mit der eigenen Laufbahn sind.
Gesundheit: Hier wirds richtig kritisch
Am deutlichsten schlägt der Barometer 2025 beim Thema Gesundheit Alarm. Mit 60,0 von 100 Punkten erreicht diese Dimension den tiefsten Stand seit mehreren Jahren. Besonders die psychische Belastung nimmt markant zu:
- 42,4 Prozent der Arbeitnehmenden fühlen sich häufig oder sehr häufig gestresst
- 41,1 Prozent sind am Ende des Arbeitstags emotional erschöpft
- Mehr als die Hälfte leistet regelmässig Überstunden
- Knapp ein Viertel arbeitet oft mehr als zehn Stunden pro Tag
Bei den jungen Erwerbstätigen sind diese Werte kaum tiefer: 40,6 Prozent der 16- bis 29-Jährigen fühlen sich häufig oder sehr häufig gestresst, 39,8 Prozent berichten von emotionaler Erschöpfung. Der Unterschied zeigt sich weniger in der Belastung selbst als in deren Wahrnehmung und Bewältigung. Junge Menschen haben tendenziell mehr Mühe, ihr Gleichgewicht zu halten – oder sie legen bewusst mehr Wert darauf. Nur 80,1 Prozent sagen, dass sie Arbeit und Privatleben gut vereinbaren können. Bei den 46- bis 64-Jährigen sind es 84 Prozent.
Psychische Belastungen während der Ausbildung
Die kurz vor dem Barometer veröffentlichte WorkMed- Studie 2025 zur psychischen Gesundheit von Lernenden bestätigt dieses Bild eindrücklich. 61 Prozent der befragten Lernenden geben an, während ihrer Ausbildung psychische Probleme erlebt zu haben. Rund 30 Prozent spürten sogar direkte Auswirkungen auf ihren Ausbildungsweg. Wichtig ist dabei die Einordnung: Es geht nicht darum, die Lehre schlechtzureden. Vergleichbare Studien zu Gymnasiasten oder Studierenden fehlen bislang. Die Forschenden halten jedoch klar fest, dass die Ursachen nicht in fehlender Motivation oder mangelnder Resilienz liegen. Entscheidend sind die Bedingungen: unregelmässige Arbeitszeiten, hoher Leistungs- und Prüfungsdruck, mentale Überlastung und zu wenig Raum für Erholung. Ein unterstützendes Ausbildungsklima, weniger Arbeit zu Randzeiten (abends, samstags) und das konsequente Einhalten von Ruhezeiten können hier viel bewirken.
Abschalten wird zur Herausforderung
Warum erleben so viele Menschen ihre Arbeit als stressig? Ein zentraler Grund ist die zunehmende Schwierigkeit, wirklich abzuschalten. Permanente Erreichbarkeit gilt heute oft als Beweis für Engagement und Professionalität. 27,8 Prozent der Befragten sagen, dass von ihnen häufig oder sehr häufig erwartet wird, auch ausserhalb der regulären Arbeitszeiten erreichbar zu sein. Das hat direkte Folgen für die Erholung: 32,5 Prozent geben an, unter der Woche kaum oder gar keine Zeit für echte Regeneration zu haben. Ähnlich sieht es bei Ferien und freien Tagen aus. Bemerkenswert ist, dass diese Problematik alle Altersgruppen betrifft – und Stress kein reines «Jungendthema». Die zunehmende Verbreitung von Homeoffice verstärkt diesen Trend. 42,6 Prozent arbeiten zumindest teilweise von zu Hause aus. Das schafft Flexibilität, lässt aber die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit weiter verschwimmen. Gleichzeitig misst die junge Generation ihrem sozialen Leben einen hohen Stellenwert bei. Immer weniger junge Menschen können oder wollen sich vorstellen, dauerhaft 100 Prozent zu arbeiten. Langsam, aber stetig distanzieren sie sich von der Hustle Culture der ständigen Selbstoptimierung. Der leistungsorientierte Schweizer Arbeitsmarkt wird lernen müssen, diese Haltung ernst zu nehmen. Diskussionen über zusätzliche Ferientage für Lernende oder Teilzeitmodelle in der Berufsbildung sind daher konsequent und notwendig.
Gesundheit schützen – von Anfang an
Das Fazit des «Barometer Gute Arbeit 2025» ist eindeutig: Die Arbeitsbedingungen in der Schweiz sind insgesamt gut. Gleichzeitig gerät die psychische Gesundheit immer stärker unter Druck – besonders bei jungen Menschen. Prävention muss früh ansetzen. Entscheidend sind echte Erholungsmöglichkeiten: planbare Arbeitszeiten, weniger Randzeiten, genügend Ferien – gerade für Lernende in Prüfungsphasen – sowie eine Unternehmenskultur, die Pausen, Grenzen und Ruhezeiten respektiert. Für die Gewerkschaften ist klar: Wer die Gesundheit junger Erwerbstätiger und Lernender schützt, investiert in nachhaltige Berufsbiografien und in die Zukunft des Arbeitsmarkts. Gute Arbeitsplätze zeigt sich nicht nur in Motivation, Leistung oder Effizienz. Sie zeigen sich auch darin, ob Menschen gesund bleiben können – körperlich und psychisch. Und das von Anfang an.
