Flexible Arbeitszeiten, arbeiten wo, wann und wie man möchte: Was auf den ersten Blick so gut klingt, kann schnell zur Belastung für Arbeitnehmende werden. Zwei Beispiele.
Sandra, 34, und Michael, 36 Jahre
Sandra und Michael sind beide berufstätig – zum Glück, denn zwei Kinder und ein kleines Haus – das kostet schon eine Stange Geld. Dank flexiblen Arbeitszeiten bringen sie Familie und Beruf auch wunderbar unter einen Hut. Sandras Arbeitstag als Teamleiterin in der Pflege beginnt um 10 Uhr – da bleibt genügend Zeit, die beiden Jungs in die Kita zu bringen.
Michael ist um diese Zeit schon lange am Arbeiten. Sein Tag beginnt früh, denn an seinem Arbeitsplatz gibt es gerade sehr viel Arbeit. Dafür hat er am Nachmittag Zeit für die Kinder: Er holt sie von der Kita ab, erledigt den Haushalt und kocht Abendessen für sich und die Kinder. Sandra wird erst später essen – wenn sie um 21 Uhr nach Hause kommt, sind die Kinder längst im Bett.
Michael ist froh, dass es bei ihnen so gut klappt mit der Aufteilung von Kinderbetreuung und Haushalt. Gut, unter der Woche haben sie als Paar wenig voneinander. Aber die Flexibilität hat halt auch seinen Preis.
Und dann sind ja noch die Wochenenden.
Nur – in letzter Zeit fallen auch die weg. Denn Sandra muss immer mehr auch am Wochenende einspringen. Im Pflegeheim herrscht akuter Personalmangel. Da muss Sandra als Teamleiterin in die Bresche springen.
Auch ihr Arbeitsbeginn um 10 Uhr muss Sandra immer wieder verteidigen. Ob Michael wohl mal könnte … Aber nein, keine Chance. Sein Arbeitgeber hat sofort abgewinkt: «Vergiss es, in deiner Abteilung können wir uns nicht mehr Personal leisten … Wir brauchen jede Minute deiner Arbeitszeit!»
Und wie es aussieht, könnte sogar noch mehr Arbeit auf sie zukommen: Michaels Chef hat schon angekündigt, dass in den nächsten Wochen auch mal 12-Stunden-Tage anfallen könnten.
Wer dann die Kinder am Nachmittag versorgt …?
Daniela, 29
Daniela freut sich über ihren neuen Job: Im Grosshandelsunternehmen, wo sie als Direktionsassistentin arbeitet, hat man Verständnis für ihre Situation als alleinerziehende Mutter. So ist es kein Problem, wenn sie morgens mal später kommt, weil es in der Kita etwas länger gedauert hat.
«Wir haben flexible Arbeitszeiten», hat man ihr beim Vorstellungsgespräch gesagt, «damit kommen wir unseren Mitarbeitenden mit Familie entgegen.» Das sagt Daniela zu, und so ist es für sie auch kein Problem, mal abends ihre E-Mails zu checken oder ein Protokoll zu schreiben, das noch dringend raus muss. Schliesslich sind die Kinder ja spätestens um 8 Uhr im Bett – dann kann Sandra in Ruhe alle E-Mails ihres Chefs abarbeiten.
«Nur ausnahmsweise», hat ihr Chef gesagt, als er sie danach fragte, ob sie sich vorstellen könnte, auch am Abend noch kurz Dringendes zu erledigen. In letzter Zeit sind die Ausnahmen allerdings zur Regel geworden – es gibt halt gerade viel zu tun, und schliesslich arbeitet ihr Chef ja auch 7 Tage in der Woche.
Gerade heute steht noch ein Haufen Arbeit an – doch gerade heute sind auch die Kinder sehr quengelig. Der kleine Simon schreit immer noch, und sein Kopf ist ganz heiss. Ob er Fieber hat? Ganz schlechtes Timing – morgen früh ist doch die wichtige Sitzung, für die der Chef diese Dokumente unbedingt braucht …
